Als sie sah, daß ich nicht minder erschrocken war, als sie, und da mein Phylax näher kam, und mit dem Schwanze wedelte, (gegen Frauenzimmer, Kinder und kleine Hunde war er sehr höflich) faßte sie Herz und trat zu mir.

Ich hatte nicht den Muth, sie anzusehen, und doch hätt' es nur eines halben Blickes bedurft, um mich zu überzeugen, daß es nicht Martha war, die mich bey der Hand nahm.

»Wer bist du, Kleiner,« sagte sie, »wie kömmst Du in der späten Nacht hieher?«

Wenn es Martha wäre – so schloß ich nun erst – würde sie wohl nicht diese Frage an mich thun. Und nun drehete ich mich um und sah ihr ziemlich herzhaft ins Gesicht. Ihre sanfte Mine schloß mein ganzes Herz für sie auf, und schon schwebte ein pünktliches Bekenntniß auf meinen Lippen, als sie fortfuhr und mich fragte, ob ich mich verirrt hätte? Ja! sagte ich, und nun war an kein Geständniß mehr zu denken, da sie mir selbst den Mittelweg zwischen Wahrheit und Lügen eröfnet hatte. Ich betrachtete sie aufmerksam von der Seite – und mit eins! glaubte ich Malchens Mama vor mir zu sehen, denn ihr Haar war mit einem Rosenbande umwunden, gerade so, wie ihn jene trug als sie uns im Gebüsche überraschte.

Mir ward wieder bange, und meine Blicke wurden schüchterner, als vorher.

Sie nahm mich von neuem bey der Hand, und zog mich halb wider meinen Willen mit fort. Ich faßte Muth und sah sie noch einigemal herzhaft von der Seite an, bis ich mich endlich fest überzeugte, es sey nicht Malchens Mama, sondern ein Frauenzimmer, die ich nicht kannte, so wenig, als sie mich.

Wir kamen der Musik, die ich vorhin gehört hatte, immer näher, und ich ward immer unschlüßiger, ob ich mich losreißen, und ins Gebüsche zurückkriechen, oder mit meiner Begleiterin nach Hause gehen sollte. Diese hatte an mir zu ziehen und zuzureden, daß ich mich nicht scheuen, sondern dreist mitgehen sollte: Essen, Trinken, Nachtlager, einen Bothen, der mich nach Hause brächte, alles sollt' ich haben. Die erstern Punkte gefielen mir ausserordentlich, aber nicht im mindesten der letztere.

Nach einigen Minuten standen wir vor einem Hause, dessen erster Stock um und um erleuchtet war. Es gab da Musik, Tanz und ein großes Getümmel von Zuschauern. Schon hatten wir den Fuß auf die Treppe gesetzt, als eine starke Stimme, wie im Zorn und Unmuth, herunter rief: Kar'line! Kar'line! Wo hat dich denn

Drittes Kapitel.
Wie Moriz empfangen wird.

Hier, hier bin ich schon! rief meine Begleiterin ängstlich, und sprang hurtig die Treppe hinauf. Kaum nahm sie sich Zeit, mir in aller Hast zu sagen: ich sollte nur nachkommen und mich so lange an die Thür des Saales stellen, bis sie mich abholte.