Mir fiel ein schwerer Stein vom Herzen, aber bald drückte mich die Frage: wem in aller Welt gehört denn das Vieh? zehnmal schwerer.
Karoline war über dem Lärm auch herzugekommen und stand bey mir. Ihr Vater trat näher. »Der Hund gehört mir!« rief ich etwas zu vorlaut und zitterte am ganzen Leibe dabey. »So?« sagte der Vater und nahm mich dabey schärfer aufs Korn: »Ich kenne dich und deinen Hund nicht. Wer bist du? Wo kömmst du her?«
Karoline nahm für mich das Wort, und erzählte, wo und wie sie mich gefunden hätte. »Ich will wissen,« fuhr er sie an, »wie er heißt!« und mit den Worten nahm er mich beym Fittig und zog mich ans Licht – »Ich heiße Ernst, Ernst!« rief ich ängstlich. – »Ist das dein Vorname, oder heißt dein Vater so?« – Mein Vater heißt so! – »Bist du ein Sohn von dem dicken Ernst?« – Ja! sagt' ich. – »Da, Pursche!« rief er und schleuderte mich unfreundlich zur Thür hinaus: »Geh, wo du hergekommen bist!«
Karoline that einen lauten Schrey, aber ihr Vater – brüllte, denn Phylax hatte ihn bey der Wade. Dieser hatte trotz seinem Appetit den Braten verlassen, um mir zu Hülfe zu kommen. Er schützte mich vor einer gewaltsamern Behandlung und ließ den groben Mann nicht eher los, bis ich die Treppe hinunter war.
Als dieser sahe, daß mich Phylax so kräftig in Schutz nahm, wagt' er es nicht, mich zu verfolgen, sondern blieb oben an der Treppe stehen, schimpfte auf meinen Papa und erzählte, was ihm dieser Alles zu Leide gethan hätte.
»Und der Bastart,« so schloß er: »Es weiß ja doch kein Mensch, wo der alte dicke Esel den Jungen her hat, er hat sich ja immer mit M** beholfen – Das H**kind, kann hieher kommen, um mich in meiner Freude zu stöhren; kann seinen Hund über meinen Braten schicken, daß er alles um und um reißt, und mich selber am Ende bey der Wade packt – Wart', Junge, nun will ich dich hetzen!«
Auf einmal kam er die Treppe herunter gestürmt, pfiff auf dem Finger und schrie: Spitz, Sultan, Diane, faß, faß! Plötzlich stürzten drey Hunde herzu; aber Phylax warf einen hierhin, den andern dorthin, und deckte mir den Rücken. So kam ich unversehrt vom Hofe.
Viertes Kapitel.
Findet er nun ein Obdach?
Ich wußte nicht, ob ich weinen, oder mich erboßen sollte. Bald trocknete ich mir die Thränen ab, bald bückte ich mich, mit festaufeinandergebissenen Zähnen, und suchte Steine, um dem Barbaren die Fenster einzuwerfen. Aber allmählig legten sich Wehmuth und Ungestüm, und der Gedanke: was ich nun beginnen, wohin ich mich wenden, und wo ich Nachtlager und Brot hernehmen sollte? drückte eins wie das andre, völlig nieder.
Als ich einige Schritte in tiefen Gedanken fortgegangen war, begegnete mir ein Mann. Ich faßte Muth und bat ihn, mich mit nach Hause zu nehmen, ich wüßte nicht, wo ich über Nacht bleiben sollte; aber er entschuldigte sich damit, daß er selbst nur ein Knecht sey, nichts Eignes besitze, und selbst im Pferdestalle schlafen müsse. »Ich will ja auch gern im Pferdestall schlafen,« rief ich, und hängte mich ängstlich an seinen Arm, um seinen raschen Schritt aufzuhalten: »Nehm' Er mich nur mit!« – Junge! erwiederte er halb unwillig: Ich kann Dich nicht mitnehmen! Wer weiß denn, was an Dir ist? Da (indem er auf ein dabeystehendes Haus zeigte) da ist die Schenke. Geh!