Auf einmal hörte ich nicht weit von mir ein starkes, zischendes Athemholen. Ich fuhr erschrocken zusammen, erholte mich aber bald wieder, weil ich wußte, daß die Eulen zur Nachtzeit auf Heuböden und in Scheunen auf Raub ausgehen, und öfters darüber einzuschlafen pflegen. Eben wollte ich mich fester in mein Küssen vergraben, und auf nichts mehr horchen und hören, als ich eine Stimme vernahm, halb laut, halb leise, halb ängstlich. Ich horchte, obgleich ich nicht horchen wollte.
Halsabschneiden – flüsterte diese schreckliche Stimme – Halsumdrehen! – Pack ihn! Pack ihn! fügte sie etwas stärker hinzu. Messer her! Mein Messer her! rief sie laut und vernehmlich.
Ich fuhr auf, durch und durch in Todesschweiß gebadet. Angstvoll und bebend sah ich mich nach der Thür um, und als ich vor mir ein lichteres Fleckchen bemerkte, sprang ich auf und wollte dahin.
Indem ich forttappte, raschelte es vor mir im Heu, und Phylax stand neben mir und schnupperte. Ich wußte nicht, ob ich vorwärts gehen, oder umkehren sollte. Endlich faßte ich Muth und wollte zur Thür. Ich streckte meinen Fuß aus, trat behutsam zu und fühlte, daß ich nicht auf Heu träte. Die Angst ließ mich nicht untersuchen, was es war, und als ich fester auftrat, um den linken Fuß nachzuholen – Jesus! was ist das? schrye eine menschliche Stimme, und in dem Augenblick stolperte und fiel ich. Dabey stämmten sich zwey Hände gegen meine Brust und stießen mich gewaltsam von sich.
Halsabschneiden, pack' ihn und Messer her! Diese drey fürchterlichen Ideen raubten mir Sinne und Bewußtseyn. Aber in eben dem Augenblicke rief die Stimme: Gnade! Gnade! und ich kam wieder soweit zu mir selbst, daß ich bemerkte, wie sich Phylax mit dem vermeynten Mörder herumbalgte. Nun stellte sich ein nothgedrungener Muth bey mir ein, ich drückte die Augen fest zu und rief herzhaft: Wer da? – »Gnade, Barmherzigkeit!« rief die Stimme von neuem: »Der Hund zerreißt mich!« Ich lockte meinen Phylax, und er kam aufs Wort zu mir. Nun beschloß ich, den Mörder förmlich zu vernehmen, um zu sehen, ob gütlich mit ihm auszukommen sey, wo nicht, so war Phylax immer noch da!
Es kam etwas auf allen Vieren näher gekrochen und bat nur immer, den großen Hund nicht loszulassen. Nach und nach richtete es sich auf. Des Mörders demüthige Stimme machte mir Muth, und auch er erholte sich, als er hörte, daß ich Phylaxen von Zeit zu Zeit das Murren verboth.
Allmählig öfneten wir uns wechselsweise das Verständniß. Es war ein herrenloser Bedienter, der kurz vor mir auf den Heuboden gekrochen war, und sich niedergelegt hatte. Was er von Halsabschneiden und Messern gesprochen hatte, war nicht sein Ernst, sondern ein fürchterlicher Traum gewesen. Ich faßte ein großes Vertrauen zu ihm (welches er wohl hauptsächlich meiner Freude zuzuschreiben hatte, daß er kein Mörder war) und erzählte ihm meine Geschichte der Länge nach. Anfangs rieth er mir, zu meinem Papa umzukehren; als er aber meinen Widerwillen sah, schlug er mir vor, mit ihm zu gehen, ich sollte Brot und Unterkommen finden. Ich versprach es ihm, und darauf legten wir uns nieder und schliefen ein.
Sechstes Kapitel.
Sie wandern.
Kaum war ich recht eingeschlafen, als ich die Stimme des gutherzigen Wirths hörte. Er rüttelte mich, und als ich die Hände auseinander schlug, um mich noch einmal von ganzem Herzen zu dehnen, steckte er mir in die rechte Hand ein dickes Butterbrot, und in die linke einen Kupferdreyer. »Nun komm, mein Sohn,« sagte er dabey: »ehe meine Frau aufsteht. Sag mir aber erst, wo du zu Hause bist, mein Junge soll dich hinbringen.« – Ich gehe den Weg, unterbrach ihn der Bediente und ersparte mir dadurch ein Geständniß, das mir auf der Zunge schwebte: er hat mir gesagt, wo seine Eltern wohnen. Ich denke ein kleines Trinkgeld von ihnen zu erhalten.
Ich konnte es dem Wirth ansehen, daß er gerne gewußt hätte, wer meine Eltern wären; aber in dem Augenblick hörte er die Stimme seiner Frau, die mit Toben und Schelten die Mägde weckte. Er sagte uns nur noch in Eil, wir sollten durch den Garten gehn, und uns nicht sehen lassen, sonst hätte er in vierzehn Tagen keine ruhige Stunde.