Siebentes Kapitel.
Moriz löset Fesseln.

Wir liefen auf lauter Abwegen. Mein Gefährte ward es am ersten überdrüßig. Er versicherte mich, indem er außer Athem neben mir her trabte, ich hätte nichts mehr zu fürchten: wir wären im Sächsischen, wo uns niemand etwas zu befehlen hätte, und wenn der Vater selbst käme, um seinen Sohn zu holen, und dieser wollte nicht, so könnte und würde ihn niemand zwingen. Als er mir diese Versicherung noch einigemal wiederholt hatte, legte sich meine Angst und ich ging langsamer.

Ich kann bis diese Stunde keinen befriedigenden Grund angeben, warum dieser Mensch so viel Geduld mit mir hatte. Er konnte mich ja nur laufen lassen und sich nicht weiter um mich bekümmern. Oder glaubte er, desto leichter einen Dienst zu bekommen, wenn er mich mitnahm, die Aufmerksamkeit eines Herrn auf mich zog, und mich nur mit dem Beding ihm überließ, wenn er selbst in Dienste genommen würde? Wenigstens sagte er immer unterweges: wenn wir in eine große Stadt kämen, und es fände sich eine Herrschaft für mich, so sollte ich nicht in ihre Dienste gehen, wenn sie nicht auch ihn haben wollte. Er steifte sich, wie es scheint, auf die Mode der Jokay's.

Sey es, wie es wolle, genug er ging in das erste Dorf, worauf wir stießen, bettelte Brot und andere Lebensmittel und muthete mir auch in der Folge nicht wieder zu, daß ich betteln sollte. Wie es schien, so fürchtete er eben so sehr, mich zu verlieren, als mir vor der Rückkehr zu meinem Papa bange war.

So waren wir vier Tage fortgewandert, als wir uns auf einem Berge befanden, von welchem wir eine Stadt, die ungefähr eine halbe Meile von uns lag, in ihrer ganzen Größe sehen konnten. Als ich meinen Begleiter fragte, wie sie hieße, war es D**. Ich erschrack und bat ihn, nicht hineinzugehen, und erzählte ihm, daß sich eben der Legationsrath daselbst befände, der meinen Papa immer besuchte, und daß er mich zurückschicken würde, wenn er mich zu sehen bekäme. Aber er benahm mir fast alle Furcht durch die Versicherung, D** sey so groß, daß sich die Leute, die auf Einer Straße, ja sogar, die in Einem Hause wohnten, öfters nicht kennten.

Darauf verließ er mich, um in einem Dorfe, das an der einen Seite des Berges lag, zu betteln. Meinen Phylax, der sich während unsrer Reise an ihn, als den Proviantmeister gewöhnt hatte, nahm er mit und sagte: wenn er seinen Umgang gehalten hätte, wollte er mich abholen.

Ich setzte mich nicht weit von dem Dorfe nieder und erwartete seine Zurückkunft. Er blieb länger aus, als gewöhnlich, und ich gerieth in Unruhe. Schon war ich eine Strecke auf das Dorf zugelaufen, als er mir entgegen kam und alle Taschen voll Lebensmittel hatte. Aber meinen Phylax sah ich nicht.

Wo ist mein Hund? rief ich ihm von weitem zu. Er schüttelte den Kopf. Wo ist mein Hund? fragte ich noch einmal ängstlicher.

Er stellte sich zornig und trostlos. Ich drang in ihn und erfuhr: mein armer Phylax sey von einem Jäger erschossen worden, weil er keinen Knittel am Halse getragen hätte. Diese Hiobspost machte mich stumm und sprachlos. Anfangs brach mein Schmerz in Thränen, aber bald darauf in Wuth aus. Ich steckte mir alle Taschen voll Steine, lief wie rasend in das Dorf, und es war ein Glück, daß mir kein grüngekleideter Mann in den Wurf kam, ich hätte ihm sonst alle meine Kiesel an den Kopf geschleudert.

Ich durchlief das ganze Dorf und fragte jeden, der mir begegnete, ob er nicht einen Jäger gesehen hätte? aber niemand konnte mir Nachricht geben. Langsam und mit hellen Thränentropfen auf den Backen, kehrte ich um. Auf einmal hörte ich ein Winseln, das mir bekannt vorkam. Ich ging dem Schalle nach, trat in einen Bauerhof und siehe da! meinen Phylax an der Kette. Ich sah und hörte nicht vor Freude, und Phylax sprang, so weit es ihm die Kette erlaubte, rund herum. Ich entschloß mich kurz, und wollte nichts Geringeres, als die Kette entzwey reißen. Schon dreymal hatte ich alle meine Kräfte vergebens angestrengt, als ich erst zu bemerken anfing, daß es geradehin unmöglich sey. Aber noch sank mein Muth nicht. Ich nahm einen von den Kieseln, die ich zu Mord und Todschlag zu mir gesteckt hatte, und pochte unter Thränen der Bosheit und Ungeduld an der Kette – aber sie war von Eisen!