Sie schien wie aus einem Traume zu erwachen, und im Nu sprang sie auf, führte mich zur Thür, stieß mich ziemlich unsanft hinaus und sagte: »Merken Sie sichs, Lemberg, ich habe nur Eine Maulschelle – SieZwey!« – Knall flog die Thür hinter mir zu.

Ich verstand, was sie damit sagen wollte, und mein Blut ward von neuem rührig. Aber die Thür war hinter mir abgeschlossen.

Achtes Kapitel.
Malchen und – Gräfin Waller.

Gewiß ist es, daß sie mich nun durch und durch kannte. Bey minderem Scharfsinn hätte sie mich höflichst zur Thüre geführt, und mich vielleicht mit Thränen gebeten, niemand zu sagen, was unter uns vorgefallen sey; aber sie stieß mich zur Thür hinaus und erreichte eben diesen Zweck.

Man hätte mich mit Pferden zerreißen können, und das Geheimniß wäre nicht über meine Zunge gekommen.

Ich konnte in der Nacht, die auf diesen Tag folgte, nicht schlafen. Zwey Bilder beschäftigten meine Phantasie, die man sich nicht ungleichartiger denken kann – Malchen und Gräfin Waller!

Es war mir unerklärbar, wie mir in der jetzigen Stimmung meines Geistes und Herzens Malchen so auf einmal vor Augen treten konnte. Ich hatte sie in drey Jahren nicht gesehen; das Andenken an sie, machte mir, außer einigen schnell vorübergehenden frohen Empfindungen, nicht die mindeste Unruhe, und ihr Bild schien von Zeit zu Zeit völlig aus meinem Gedächtnisse verschwunden zu seyn. Aber diese Nacht kam es zurück, mit hellen, kräftigen Farben ausgemalt, in einem Glanze, der mein geistiges Auge blendete. Ich umarmte dies süße Kind meiner Phantasie, drückte es, in Entzücken verlohren, an mein klopfendes Herz, und wenn ich dann recht zusahe, so hielt ich – die Gräfin Waller in meine Arme geschlossen.

Meine eigne, und meiner Leser Delikatesse, erlaubt es mir nicht, einer Erscheinung deutlicher zu erwähnen, die mich diese Nacht überraschte. Alles, was ich davon sagen kann, ist, daß sie viel Aehnliches mit der Scene im Gebüsche hatte, wo uns Malchens Mama überraschte, und daß sie, wie ich jetzt wohl einsehe, der Schlüssel zu den Phantasieen ist, die mich diese Nacht beschäftigten.

Einem Beobachter, der mit festem Tritt und unverrücktem Blicke der Natur folgt, der den zarten Verkettungen, dem fast unsichtbaren Gewebe, den allerfeinsten Fäden, die nur eine allmächtige Hand zwischen Geist und Fleisch ziehen konnte, nachzuspüren Beruf und Geduld hat, dem wird diese Erscheinung, und ihre Ursach kein Räthsel seyn, und der wird mich verstanden haben.

Ich überließ mich dem Entzücken, Malchen in so verklärter Gestalt wieder zu sehen, obgleich sie mir noch lieber gewesen wäre, wenn die verhaßte Waller nicht neben ihr gestanden hätte. Ich wußte nicht, daß der Wunsch, das Bild dieser Frau vor meinen Blicken zu entfernen, nicht erfüllt werden konnte, ohne daß ich zugleich sie aus dem Gesichte verlöre. So fest hatte die Zauberin Natur diese Antipoden zusammengekettet!