Als ich erwachte, war mein erster Gedanke – Malchen. Wenn ich ein Buch aufschlug, war der Anfangsbuchstabe jedes Wortes ein M. Jedes Mädchen, das mir begegnete, hatte Aehnlichkeit mit ihr. Einigemal glaubte ich sie von ferne zu sehen, flog ihr entgegen, war getäuscht. Wenn ich hätte nachdenken wollen, so würde mir eingefallen seyn, daß sie sich schwerlich in einem Anzuge würde sehen lassen, den sie vor vier Jahren trug, als ich sie nach meiner Wanderung bey meinen Eltern wiedersah. Wirklich lief ich jeder Mädchengestalt nach, die so gekleidet war, als Malchen damals, und konnte mich dann wundern, daß es nicht Malchen war, da sie doch dieselbe Farbe trug.

Neuntes Kapitel.
Liebe, und einige ihrer Wirkungen.

Mein Dienst bey der Gräfin däuchte mir nicht mehr so lästig, als vorher. Ich muß gestehen, daß ich sogar mit einer Art von Ungeduld den Augenblick erwartete, wo sie mich würde rufen lassen. Ich fühlte ein unwiderstehliches Sehnen, und immer war es mir, als wenn ich durch sie Nachrichten von Malchen erhalten würde. Sonderbar! – Sie rief mich endlich.

Verdruß und Unwillen lagen sichtbar auf ihrer Stirne. Ich machte ihr eine Verbeugung die ich schwerlich noch vor jemand so tief gemacht hatte. Sie gab mir mit weggewandtem Gesicht und in einem herrischen Ton einige Aufträge, und setzte kein Wort mehr hinzu, als sie sagen mußte, um mir ihren Willen zu erklären. Die Reihe war nun an ihr, böse zu seyn, bis jetzt hatte ich dies Vorrecht gehabt.

Dieses Betragen hatte genau die Wirkung, die sie dadurch erreichen wollte. Ich entledigte mich ihrer Aufträge mit großem Eifer, und war dabey so dienstfertig, so gefällig, daß ich ihr heute ein ganz andrer Mensch scheinen mußte. Sie sah mich einigemal mit forschendem Blick an und schien meine Veränderung mit innerlicher Selbstzufriedenheit zu bemerken. Aus einigen ihrer Mienen zu schließen, mußte sie es als eine unausbleibliche Folge ihrer Maßregeln ansehen.

Als ich zurückkam, um ihr zu melden, daß ich ihre Aufträge genau besorgt habe, sagte sie: Ihre Dienstfertigkeit verdient meinen Dank, und ich weiß, daß ich Ihnen keinen größern geben kann, als wenn ich Ihnen hiermit erkläre, daß ich den Marschall um einen andern Pagen gebeten habe.

Ich sah sie an und ging stillschweigend zur Thür hinaus. Wie lächerlich! Ich hätte es nun lieber gesehen, wenn ich ihr Page hätte bleiben können.

Der jetzige Zustand meines Herzens schien keiner feindseligen Empfindung Raum zu lassen. In gewissen Augenblicken schämte ich mich sogar recht herzlich, die Gräfin so bäurisch behandelt zu haben, und einigemal war ich wirklich im Begrif zu ihr zu gehen, und sie um Verzeihung zu bitten. Je öfter ich mir Malchens Bild vor mein geistiges Auge zurückholte, desto gefälliger war das Licht, in welchem ich die Gräfin erblickte. Immer noch konnte ich an keine von beyden denken, ohne zugleich die andre vor mir zu sehen. Es schien, als ob die himmlische Glorie, in welcher ich Malchen die vorige Nacht erblickte, auch der Gräfin einen Glanz mitgetheilt hätte, der mir Auge und Herz für sie aufschloß.

Endlich verschwand auch jeder Schatten von der Beleidigung, die ich so kräftig erwiedert hatte; ich fing an, ihre Großmuth zu bewundern, und zu bedauren, daß mir keine Gelegenheit blieb, das Geschehene wieder gut zu machen.

Zehntes Kapitel.
Wahnsinn der Liebe.