»Wenn ich sie nur sehen könnte, nur sehen, nur sehen!« Dies war mein erster und eifrigster Wunsch, wenn ich an Malchen dachte. Alles, was mir auf der Welt das liebste war, hätte ich um die Erfüllung desselben gegeben!
Anfangs blieb es nur beym Wünschen und ich behielt die Hände im Schooße; denn ich hatte die Grille, sie müßte nicht weit seyn, sie müßte mir nächstens einmal begegnen. Acht Tage hielt ich mich mit dieser Einbildung hin; endlich ward ich thätig, beschloß an Papa Ernst zu schreiben und Nachricht von ihr einzuholen. Ich that es und zwar – im Postskript des Briefes, den ich ausdrücklich ihrentwegen schrieb. Ich hängte diese Worte an: Auch möchte ich wohl wissen, wie sich Herr und Frau von Lehmnitz befinden.
Das nenne ich doch eine Erkundigung! Aber es war mir nicht möglich, das Wort Malchen unter vier Augen zu nennen, vielweniger ihren Namen mit allen seinen Buchstaben schwarz auf weiß zu schreiben. Wie glücklich mußte Papa im Rathen seyn, wenn er mir auf meine Frage eine befriedigende Antwort hätte ertheilen sollen! Und doch hoffte ich mit so großer Unruhe auf seinen Brief, als ob er durchaus keinen andern Inhalt, als Nachricht von Malchen haben könnte.
Was für ein Unterschied! Meine ältern Mitpagen sagten öffentlich: ich bin in dieses oder jenes Mädchen zum sterben verliebt; sie heißt so und so; wohnt da und da; heute hab' ich eine Zusammenkunft; aber ich, ich wagt' es nicht, mich nur entfernt nach einem Mädchen zu erkundigen, das mir Ruhe und Verstand geraubt hatte; ich frage nach ihren Eltern und erwarte fest, daß die Antwort auf diese Frage sie betreffen soll und muß.
Deßhalb erstaunte ich auch gar nicht, als Papa's Brief ankam und von Anfang bis zu Ende von – Malchen handelte. Ich erfuhr, daß sie nach L** in Pension gethan sey, und zwar erst vor einigen Tagen; dabey beschrieb mir Papa alles, selbst die Straße, wo die Französin wohnte, die sie in Kost genommen hätte.
Ein Glück für mich, daß in diesen Tagen keine andre merkwürdige Begebenheit in Papa's Gegend vorgefallen war; er würde mir sonst eben so gut diese beschrieben haben, und ich wäre in Verzweiflung gewesen, wenn ich nichts von Malchen in seiner Antwort gefunden hätte.
Uebrigens war Papa immer noch der alte. Er schrieb mir alle Debatten, die vorher zwischen Herrn und Frau von Lehmnitz vorgefallen waren, ehe sie sich entschlossen hätten, Malchen nach L** zu schicken; gab mir einen Auszug des ganzen Briefwechsels zwischen ihnen und der Französin zu L**; wußte, wieviel jährlich für Malchen bezahlt wurde; was sie für Wäsche mitgenommen hatte; in welcher Stunde und in welcher Kutsche sie abgefahren war; wie die Französin hieß und in welcher Straße sie wohnte. Der Geist der Kleinigkeit und Geschäftslosigkeit lebte und webte in diesem Briefe.
Aber wie angenehm war mir diese Umständlichkeit! Ich las den Brief zehn, zwanzigmal mit pochendem Herzen, aber nicht ohne ein Gefühl von Besorgniß, Papa möchte aus dem Postskript geschlossen haben, ich sey in Malchen verliebt. Der scharfsinnige, feine Papa! Wie könnte er sonst einen ganzen Brief mit lauter Nachrichten von Malchen füllen?
Ich verschloß den Brief sorgfältig in meinen Koffer, und kaufte mir ausdrücklich ein Vorlegeschloß, damit mir ihn niemand nehmen und daraus sehen könnte, daß ein gewisses Malchen nach L** in Pension gethan sey.
Nun hatte ich also Nachricht von Malchen, aber gab mir das meine Ruhe wieder? »Sehen, sehen muß ich sie!« rief es nun ungestümer in meinem Herzen, und je größer die Unmöglichkeit vor meinen Augen heranwuchs, desto brennender ward mein Verlangen, sie zu übersteigen. Die Vernunft erlag endlich der Schwärmerey.