L** war freylich volle dreyzehn Meilen entfernt; es fehlte mir freylich an einem Vorwande, der mir auf einige Tage Urlaub verschaffen konnte; auch wußte ich weder Weg noch Steg, noch fühlte ich Muth genug, mich bey der Französin aufzuführen; aber das waren kleine Berge, die meine Einbildungskraft nur den kleinsten Sprung kosteten. Genug, ich wollte sie sehen, das war fest beschlossen, und mit eins! waren alle Hindernisse aus dem Wege.

Ich rannte zu einem Pferdeverleiher, borgte mir ein Pferd, setzte mich auf, und nun ohne Urlaub zum Thor hinaus. Es war Abends gegen fünf Uhr, als mich diese Raserey ergriff, und um Mitternacht hatte ich schon die Hälfte des Weges zurückgelegt. In M** miethete ich mir einen Kerl, der des Weges kundig war, und auch die Straße in L** wußte, in welcher die Französin wohnte. Dreymal stürzte ich, dreymal fiel mein Gaul kraftlos unter mir zu Boden. Ich hatte fünf Beulen vor der Stirn, und mein Gesicht war von Hecken und Gesträuchen zerfleischt. Mein Begleiter bat mich flehentlich, Tagesanbruch zu erwarten, aber ich machte ihm Muth, bald mit Geld, bald mit der Hetzpeitsche. Diese fand ich nicht so wirksam als jenes.

Morgens um sechs Uhr, hatte ich nur noch eine Stunde von L**. Jetzt kam mein Verstand etwas zurück, denn ich hatte doch so viel Ueberlegung, daß Malchen noch nicht aufgestanden seyn würde, wenn ich unter ihrem Fenster hingaloppirte. Ich ließ den Pferden Futter geben, und zählte mit heißer Ungeduld jede Minute, bis es sieben schlug. Kaum ausgebrummt, auf und davon! Mein Begleiter versicherte zwar, die Pferde hätten noch nicht halb abgefressen; aber was kümmerte mich das!

Wir kamen nach L**. »Nur den nächsten Weg nach der H** Straße!« sagte ich zu meinem Gefährten; aber ohne so lange zu warten, bis er mir denselben zeigte. In wenig Minuten sah ich mich an dem entgegengesetzten Thore. Mein Begleiter versicherte, wir müßten umkehren, sonst ritten wir zu dem einen Thore hinein und zu dem andern wieder heraus. Ich fuhr ihn für diese Nachricht an, aber er entschuldigte sich mit dem Kompliment: er habe geglaubt, ich könne nicht wohl hören. Er habe immer gerufen, aber ich sey meines Weges fortgeritten.

Ich mußte also umkehren; aber nun achtete ich besser auf seine Anweisung. »Hier ist die H** Straße!« rief er endlich, und mein Herz pochte hoch auf. Ich gab meinem Pferde die Spornen, und ließ es springen, um die Leute ans Fenster zu locken. Als ich beynah am Ende der Straße war, sah ich ein Frauenzimmer in einem Erker. »Sie ists! Sie ists!« sagte mir mein Herz. Ich war freylich noch volle funfzig Schritte von ihr, aber sie war es leibhaftig! Meine Blicke waren aus der Ferne starr auf sie geheftet, sobald ich ihr aber auf zwanzig Schritte näher war, schlug ich die Augen nieder, gab meinem Pferde die Spornen und sprengte davon.

Nun war also mein heißester Wunsch erfüllt! Nun hatte ich Malchen gesehen!

Ich kann mich des Lächelns nicht erwehren, wenn ich an mein damaliges Benehmen denke. Beynahe den Hals gebrochen, beynah ein Pferd todt gejagt, um Malchen zu sehen, ich glaube sie von weitem im Erker zu erblicken, und als ich näher komme, sehe ich nicht hin! Lächerlich, sehr lächerlich!

Und doch, wer war glücklicher als ich? Was mein körperliches Auge nicht gesehen hatte, ersetzte mein geistiges. Nicht der kleinste Zug war mir an Malchen entgangen. Ich hatte sogar bemerkt, daß sie mir zulächelte, daß sie mir winkte, daß sie über die Sprünge meines Pferdes ängstlich schien – was hatte ich nicht alles – o Wunder, Wunder! – mit zur Erde gesenkten Augen gesehen!

Wenn ich hätte nachdenken können oder wollen, so würde dieser optische Betrug bald in sein Nichts zerflossen seyn. Denn das Bild von Malchen, welches mir meine Phantasie vorführte, war immer noch gerade so gekleidet, als damals, wo ich sie nach meiner Wanderung wiedersah.

Aber ich hatte Malchen gesehen, darauf wäre ich gestorben, und das machte mich zum glücklichsten Sterblichen.