Eilftes Kapitel.
Zwey Verhöre.
Als ich nach D** zurückkam, fand ich alles in Aufruhr. Man hatte geglaubt, ich sey durchgegangen, hatte schon Koncepte zu Briefen an meine Eltern ausgearbeitet und dem Pferdeverleiher sein Pferd bezahlt – auf einmal erschien ich. Mein erster Gang war in den Pagenhof, mein zweyter in Arrest. Man sagte mir, Gräfin Waller habe sich am angelegentlichsten nach mir erkundigt.
Ich hatte das alles vorhergesehen und war darauf gefaßt. Man hätte mir keinen größern Gefallen thun können, als wenn man mich zu einem ewigen Gefängniß verurtheilt hätte; denn an Malchen hatte ich eine sehr angenehme Gesellschaft.
Die drey Tage, die ich im Arrest zubrachte, verflogen wie drey Stunden, und ich wäre lieber nicht herausgegangen. Ich ward verhört, und wußte nicht, was ich sagen sollte. Man hielt dies für einen neuen Beweis, daß ich der allerverstockteste, hartsinnigste Page sey, ließ mich gehen und drohete.
Aber ich hatte noch ein zweytes Verhör auszustehen, das mir schwerer ward. Gräfin Waller ließ mich zu sich kommen; aber sie wußte schon mehr, als ich ihr sagen konnte.
Man hatte, sobald man mich vermißte, meinen Koffer erbrochen, um zu sehen, ob man nicht einen Beleg zu meiner Entweichung finden könnte. Man fand aber nichts als Wäsche und den Brief von Papa Ernsten. Dieser ward zwar gelesen, aber man blieb so klug, als vorher.
Die Gräfin sprach mit dem Pagen Neuberg von mir, und dieser erzählte, daß man meinen Koffer erbrochen, aber nichts gefunden habe, als Wäsche und einen gleichgültigen Brief. Er habe zwar bemerkt, daß ich einige Tage her öfters vor meinem Koffer gewesen wäre, auch einen Brief gelesen, und ihn jedesmal sorgfältig verschlossen habe; aber das könne unmöglich der gedachte Brief gewesen seyn.
Die Gräfin war aber doch neugierig, diesen Brief zu sehen; der Marschall gab ihr denselben; sie las ihn und schöpfte Verdacht. Aber das konnte sie nur, die einzige unter Millionen, die mit ganz andern Augen sah, als gewöhnliche kalte Zuschauer. Sie erkundigte sich näher, erfuhr, daß ich, so lange die Vermählung meiner Eltern geheim geblieben wäre, auf dem Guthe des alten Ernst sey erzogen worden, und daß ein Herr von Lehmnitz in der Gegend wohne, von dessen Tochter eben die Rede im Briefe sey. Auf einmal schien ihr ein helles Licht aufzugehen; sie grübelte glücklich weiter, gerieth aber doch in so fern auf einen Abweg, daß sie glaubte, Papa Ernst sey der Vertraute meiner Liebe, sonst würde er nicht soviel von Malchen geschrieben haben. Sie setzte voraus, er sey ein alter, erfahrner Weltkenner, und wisse, wie angenehm auch die unbedeutendsten Umstände dem Liebhaber sind, wenn sie die Dame seines Herzens betreffen.
»Wie gefällts Ihnen in L**?« war ihre erste Frage, als ich zu ihr ins Zimmer trat.
Ich stutzte und erstaunte und sagte endlich befremdet: In L**?