Ohne eine Sylbe, selbst ohne einen Laut von mir zu geben, entfernte ich mich aus dem Zimmer.
Zwölftes Kapitel.
Ein Seelengemählde.
Ich wußte nicht eigentlich, wie ich mich bey dem Betragen der Gräfin nehmen sollte. Weil ich es aber schon gewohnt war, sie nicht mehr für so boshaft zu halten, als sonst, so fing ich nach und nach an, alles, was sie sagte und that, so gut ich konnte, von der besten Seite anzusehen. Jene Nacht, wo sie mir mit Malchen Hand in Hand erschien, und das Gefühl, mich für ihre Verachtung hinlänglich gerächt zu haben, hatten ganz unmerklich in meinem Herzen zu ihrem Vortheile gearbeitet. Daß ich eine Maulschelle mehr bekommen hatte, als sie, fiel mir nicht ein; und wenn ich ja einmal daran dachte, so erweckten die Umstände und die Art, womit sie mir das Kapital verzinset zurückgab, ich weiß selbst nicht, was für eine sonderbare Empfindung in mir, die mir mehr lächerlich als kränkend war. Aber mehr als alles andre zog mich das Geheimniß von Malchen an sie, theils, weil ich fürchtete, sie möchte es verrathen, theils, weil ich mich der seltsamen Grille nicht erwehren konnte, sie sey eine Freundin von Malchen, und habe von ihr Nachricht erhalten, daß sie mich in L** gesehen.
Ich weiß nicht, wo man in gewissen Stunden Wahrscheinlichkeiten hernimmt, die einem unmögliche Dinge, als möglich, so klar und deutlich vorstellen können, daß man auf Hirngespinnste Schlösser bauet. Ein solcher unbegreiflicher Spuk war wohl die vorhin erwähnte Grille, die ich nach und nach so künstlich ausspann und erweiterte, daß ich mich endlich fest überzeugte: Die Gräfin könne es wohl bey Malchen so weit bringen, daß –
Ja, nun stand ich wieder! Was sollte sie mir denn bey Malchen auswirken? Das wußte ich nicht, hatte auch keine deutliche Idee davon. Nichts als Wünsche, ewige Wünsche, und wenn ich mich dann fragte: was wünschest du dir denn? so stutzte ich wohl eine Weile, aber die wohlthätige Einbildungskraft nahm sich meiner an, und versetzte Berge.
Wenn ich mir einen Begriff von dem Zustand eines Menschen machen will, der seinen ganzen Verstand verloren hat, so denke ich mir einen Liebhaber, wie ich damals war. So ganz Kind, so ganz aller edlern Kräfte beraubt, so ganz unthätig in mich selbst verschlossen, ohne Plan, ohne Kraft und Muth, mir einen vorzuzeichnen, so aller Gewalt über mich selbst beraubt, so lebendigtodt – mag ich nie wieder seyn. Wenn ich die Liebe auf dem Fuß betrieben hätte, wie meine größern Mitpagen, so wäre ich vor diesen Zufällen sehr sicher gewesen.
Uebrigens war es gar keine Frage, ob mich Malchen liebte? Wie war es möglich, daß mir einfallen konnte, sie hat mich vergessen? Freylich hatte sie mich in vier Jahren nicht gesehen, aber was hinderte das? Sie war in andre Verbindungen und Verhältnisse gekommen; sie hatte gewiß andre Mannspersonen kennen gelernt, die ihr in der Nähe waren, und die sie leicht einem Menschen vorziehen konnte, mit dem sie zwar als Kind gespielt, von dem sie aber seit langer Zeit keine Nachricht hatte – So natürlich mir diese Betrachtungen hätten seyn sollen, beunruhigten sie mich doch keinen Augenblick, oder, genauer gesagt, ich hatte nicht einmal die entfernteste Ahndung davon. Und wie konnte ich auch, da sie mich in L** gesehen, und mir zugewinkt und zugelächelt hatte?
Es fehlte mir ohnehin sehr an Kenntniß des Weltlaufes (das mußte die Gräfin auf den ersten Blick gesehn haben, sonst hätte sich eine Frau von ihrer Feinheit wohl schwerlich solch eine platte Liebeserklärung zu Schulden kommen lassen) aber jetzt war auch das wenige, was ich mir abstrahirt hatte, völlig aus meinem Gedächtnisse verschwunden. Ich schob phantasierte Aussichten und Bilder den wirklichen unter, lebte und webte in einer Welt, die ich mir selbst erschaffen hatte, und verlor diejenige aus den Augen, auf welcher ich mit meinen leiblichen Füßen ging und stund.
Dreyzehntes Kapitel.
Moriz wird Soldat.
Alles, was ich in diesem Zeitpunkte der Vergessenheit meiner selbst sagte und that, war handgreiflicher Unsinn, womit ich mich und meine Leser verschonen muß. Ich war mürrisch, in mich selbst verloren, that und sagte alles verkehrt, war nachläßig und verdrossen in meinen Geschäften, und wünschte ihrer ganz entledigt zu seyn, doch ohne zu wissen, was ich für einen andern Stand ergreifen sollte. Meine Vorgesetzten bemerkten dies, und da sie mich schon lange aus einem falschen Gesichtspunkt ansahen, so war es natürlich, daß ich immer tiefer und tiefer in ihrer Gunst und Achtung fallen mußte. Es kam endlich so weit, daß sie höhern Orts erklärten, ich wäre zum Pagen völlig untauglich. Man würde mich auf der Stelle fortgeschickt haben, wenn man mich nicht aus Achtung für meinen Vater geduldet hätte. Indessen ward in der Stille daran gearbeitet, mir eine andre Stelle anzuweisen.