Endlich einmal ein Wort, das sich hören läßt! erwiederte sie: Schade, daß es so sehr spät kömmt! Augenblicklich machte sie die Thür hinter mir zu.
Den folgenden Tag ging ich zum Regiment ab. Habe ich wohl nöthig, die Bewegungen zu schildern, die mich ergriffen, als ich die Thürme von L** erblickte?
Vierzehntes Kapitel.
Schüchternheit wahrer Liebe.
Man wird es mir auf mein Wort glauben, daß ich die H** Straße sehr gut zu finden wußte. Drey bis viermal stahl ich mich täglich unter dem Erker weg, in welchem ich Malchen damals gesehen haben wollte; aber es dauerte gegen drey Wochen, eh ich das Glück hatte, sie abermals zu sehen. Und als ich sie endlich sah – man denke sich mein Staunen – da war es in dem Fenster eines Hauses, das ich bis jetzt keines Blickes gewürdigt hatte; es stand an dem andern Ende und auf der andern Seite der Straße. Diese seltsame Erscheinung erklärte ich mir am natürlichsten dadurch, daß die Französin eine andre Wohnung bezogen haben müßte. Denn es war unumstößlich gewiß, daß ich Malchen damals an dem andern Ende und auf der entgegengesetzten Seite der Straße, im Erker gesehen hatte. –
So viel ich auch auf dreyßig Schritte unterscheiden konnte, war Malchen, seitdem ich sie nicht gesehen hatte, ein volles, frisches, ausgewachsenes Mädchen geworden. Das war sonderbar! Als ich sie damals im Erker erblickte, war sie noch genau so groß, als sie immer gewesen war, da ich noch mit ihr spielte. Aber in den vier Wochen war sie erstaunlich gewachsen.
Auch diesmal betrug ich mich sehr albern. So lange ich weit genug von ihr entfernt war, sah ich starren Blicks nach ihr hin, als ich mich aber nahe unter ihrem Fenster befand, sah ich vor mich auf die Erde und beschleunigte meine Schritte. Ein Anderer hätte ihr wenigstens ein Kompliment gemacht.
Ich weiß nicht, wie lange ich dies Spiel getrieben haben würde, wenn nicht mein Muth durch einen Zufall gewachsen wäre. Einmal kam ich die Straße herunter und sah Malchen wieder im Fenster. Sie hatte ihr Gesicht nach der andern Seite gewandt und sah mich nicht. Ich hatte also das süße Vergnügen, ihren Haarputz von hinten zu sehen. Meine Blicke waren fest auf sie geheftet, und ließen nicht eher ab, als bis ich dicht unter ihrem Fenster war – plötzlich drehete sie den Kopf, sah mich an, fuhr zurück und machte das Fenster zu.
Ihr Blick fuhr wie ein elektrischer Schlag durch mein ganzes Wesen. Alles tanzte vor meinen Augen, meine Füße waren mir zu leicht, und mit jedem Schritte glaubt' ich in eine Grube zu treten.
Es dauerte eine gute halbe Stunde, eh ich zu mir selbst kam, und nun war mein erster Gedanke, durch die H** Straße zurück zu gehen. Am Eingange derselben ward ich auf einmal unschlüssig und ich hätte gewiß einen andern Weg genommen, wenn sich nicht gerade einer meiner Kameraden zu mir gefunden hätte.
»Aha, Lemberg,« sagte er, »haben Sie das Terrain von L** so studirt?«