In dem Augenblicke nahm er Malchen bey der Hand und schüttelte sie eben so wie mich: »erzählt, erzählt!« rief er dabey wie ausser Athem. Hätte er Malchen noch einmal so geschüttelt, so wär' ich dazwischen gesprungen, aber er schien sich etwas zu mäßigen, und ich fing an zu erzählen. Während meiner Erzählung ward die Hand, womit er mich fest hielt, immer lockerer, und endlich ließ er mich ganz los und behielt nur noch Malchens Hand, die er hitzig hin und herschleuderte. Zuweilen fragte er: ist das alles wahr, meine Tochter? Malchen nickte dann jedesmal mit dem Kopfe, und blickte dabey ihre Mutter ängstlich von der Seite an.

Während meiner Erzählung trat Fräulein Louise ins Zimmer. »Was will sie hier?« fuhr er sie an, und Louise machte die Thür unter allen Merkmalen des höchsten Erstaunens langsam wieder zu.

Als ich meine Erzählung geendigt hatte, sprang er auf, ging nachdenkend im Zimmer auf und ab – plötzlich ergriff er das Pistol und fuhr zur Thür hinaus. Ich stürzte hinterdrein. Er rannte die Treppen hinunter und rief eines Rufens: Wo ist er? Wo ist er? der –

Aber kein Graf zu hören und zu sehen! Fräulein Louise sprang herzu, und sagte: er ist fort! »Warum,« schrie der Alte und griff nach ihrem Arm, »warum hast du ihn fort gelassen?« Das arme Mädchen zitterte und bebte und fiel mir halbohnmächtig entgegen. Ihr Vater ließ sie los, und blieb einige Augenblicke unbeweglich auf einem Flecke stehen. Auf einmal nahm er mich bey der Hand, schüttelte sie und sagte: bey den Haaren, hast du sie aus der Kammer geschleppt? – Ja, sagte ich, und die Treppe hinunter geworfen! Es schien, als ob er sich nach dieser Frage und Antwort ein wenig beruhigte. Er sah Louisen, die sich mit dem Kopfe gegen einen Pfeiler gelehnt hatte, an, und nahm sie bey der Hand. »Komm nur mit herauf Louischen,« sagte er sanft zu ihr, »daß du selbst siehst, daß du selbst hörst« – Er ward von neuem hitzig, aber nicht in dem Grade als vorher.

Wir gingen hinauf und fanden Malchen und ihre Mutter in Thränen. »Lies weiter!« sagte der Oberste und warf sich in einen Lehnstuhl, daß er laut krachte.

»alles erzählen!«

»Mein Gott, das hast du ja schon gelesen! sagte er zur Frau von Lehmniz und sie las weiter:

»Ihre Tochter wird mit einem Fähndrich, der seine gesunde fünf Sinne hat, besser fahren, als mit einem Grafen, der nicht richtig im Kopfe ist; deswegen erfolgt hierbey der Ehekontrakt zerrissen zurück und die Ehescheidung soll binnen hier und vier Wochen auf Ihrem Guthe seyn. Uebrigens würden Sie wohl thun, wenn Sie die ganze Sache schlafen ließen, und nicht durch einen unüberlegten Schritt uns alle, besonders aber Ihre arme Tochter, zum Gelächter machten. Ich habe mich deshalb entfernt, und Sie thun wohl, wenn Sie meinem Beyspiele folgen und sich nicht den Fingerzeigen der Welt aussetzen. Von meinem Neffen sage ich mich hiermit ein für allemal los, und Sie würden sehr ungerecht seyn, wenn Sie mich wollten büßen lassen, was er verbrochen hat. Wenn er Ihnen einmal in die Hände fallen sollte, (woran ich aber zweifle, denn er ist vor einer Stunde fort geritten und niemand weiß wohin) so werden Sie schon so mit ihm verfahren, (das traue ich Ihrem bekannten Gefühle für Ehre zu) daß er sich in Zukunft hüten wird, sich eine Gemahlin für einen Andern zu nehmen. Leben Sie wohl, und halten Sie die ganze Sache so geheim als möglich – das verlangt Ihre eigne und Ihrer Tochter Ehre.«

»Den Kopf spalt' ich ihm!« rief der Oberste: »darauf kann er rechnen! Und wäre das Weib nicht ein Weib – seht, Kinder! – Aber was meynst du, Jettchen – fuhr er zu seiner Gemahlin fort – der Blitzjunge hat die beyden Kerls bey den Haaren zur Thür herausgeschleppt? Hättest du ihm das wohl angesehen?«

Ja, das hat er gethan! rief Malchen und ihre Augen funkelten vor Freude. Frau von Lehmniz und Louischen sahen mich verwundert an. In den Mienen und Bewegungen der letztern zeigte sich eine aufs höchste gespannte Neugier; aber zum Unglück waren wir alle zu sehr vertieft, als daß wir auch die kleinste ihrer Fragen hätten beantworten können.