Erstes Kapitel.
Liebe und Subordination.
Während der vier Wochen hatte Malchen fleißig an mich geschrieben, und ich eben so fleißig an sie. Dieser ganze Zeitraum war für mich eine unendliche Kette von Freuden, die nur glückliche Liebe, welche mit allem, was die Hoffnung Entzückendes hat, genährt wird, so rein und lauter, so abwechselnd und ewig neu über ein zärtliches Herz ausschütten kann. Ich brannte vor Ungeduld, Malchen zu sehen, ich zählte anfangs jeden Tag, dann jede Stunde und endlich jede Minute. Diese däuchten mir jetzt einzeln länger, als anfangs der ganze Zeitraum von vier Wochen.
Endlich kam der Brief, der mir Nachricht gab, daß die Ehescheidung ausgewirkt und schon auf dem Gute des Obersten sey.
»Nun komm, Moriz,« schrieb mir Malchen, »flieg in meine Arme. Meine Augen sollen die ersten seyn, die Dich sehen, meine Arme die ersten, die Dich umschließen, meine Lippen die ersten, die auf den deinigen haften. Dein Athem soll mich zuerst anwehen, Dein Herz zuerst an dem meinigen pochen. Darum steige nicht vor dem Schlosse ab, wenn Du kömmst, sondern an der Gartenthür; sie soll offen stehen, und ich bin an derselben. Hand in Hand fliegen wir dann auf das Zimmer meines Vaters, und dann zu meiner Mutter, und dann überall hin. Ich schlafe nicht, bis ich Dich sehe, und werde nicht schlafen können, wenn ich Dich gesehen habe. Uebermorgen zwischen vier und sechs Uhr mußt Du bey mir seyn, und bist Du es nicht, so bist Du todt, oder Du liebst mich nicht mehr.«
Diese Zeilen gossen Feuer in meine Adern. Zu Fuße hätte ich fortlaufen mögen, wenn ich bedachte, daß mein Pferd erst gesattelt werden müßte. Ohne Urlaub wäre ich davon gesprengt, wenn mich nicht meine Kameraden gehalten hätten. Ich muß halb von Sinnen gewesen seyn.
»Zwischen vier und sechs Uhr muß ich da seyn!« sagte ich zu meinem General, als ich ihn um Urlaub bat, und glaubte ihm dadurch den allerkräftigsten Bewegungsgrund zur Erfüllung meiner Bitte angegeben zu haben.
»Es wird wohl etwas später werden, mein lieber Lemberg!« sagte der alte Krieger lächelnd, denn er wußte, wo es mir fehlte.
»Nicht eine Minute später,« sagte ich, »sie hält mich sonst entweder für untreu oder für todt!«
»Recht soldatische Bewegungsgründe, haben Sie zu Ihrer Reise, mein lieber Lemberg!« erwiederte er: »sie leuchten mir ein, und deßhalb sollen Sie morgen früh um neun Uhr den Urlaub haben!«
Ich erstarrte. Morgen früh um neun Uhr! Da hätte ich in sieben Stunden sechszehn Meilen reiten müssen. Unmöglich! Kaum hatte ich dies ausgerechnet, so drehete ich mich um, mit dem festen Entschluß, ohne Erlaubniß davon zu jagen.