In wenig Minuten war ich an der Gartenthür; ich sprang vom Pferde, und band es an den ersten den besten Baum. Ich trat in den Garten; kein Malchen war da. »Und sie wollte doch an der Gartenthür seyn!« murmelte ich. – Ich ging die Allee hinan, die zur erwähnten Terrasse führte – kein Malchen zu sehen! – »Wenn sie auf der Terrasse war, konnte sie hundertmal herab zur Gartenthür und zurückgelaufen seyn, ehe ich den Garten erreichte« – murmelte ich wieder, und ich fühlte auf einmal die Kopfschmerzen, die mir die Luft und das Stoßen des Pferdes verursacht hatten. Als ich Malchen noch an der Gartenthür zu finden hoffte, fühlte ich sie nicht. Ich näherte mich der Terrasse. An dem Fuße derselben war ein chinesisches Gartenhäuschen, durch ein Seitenfenster sah ich hinein, und o! was sahe ich!

Malchen saß – mit einer Mannsperson in blauer Uniform auf einem Kanapee. Er hatte seinen linken Arm fest um sie geschlungen, sie ihren rechten um ihn. Sein Kopf ruhte an ihrer Brust, sie sahe schmachtend zu ihm hinab, er schmachtend zu ihr hinauf. Zuweilen schielten beyde, wie es mich dünkte, lächelnd nach dem Fenster, das vor ihnen war. Die Mannsperson kam mir sehr jung und sehr bekannt vor, aber ich hatte nicht Zeit, es zu untersuchen.

Die Bewegungen, die in dem unsäglich kurzen Momente, wo ich dies sah, gleichsam mörderisch mich ergriffen, mag keine Feder beschreiben, kein Pinsel malen, keine Zunge aussprechen. – Meinen Degen ziehen, in das Haus stürzen, der Mannsperson, die mir lachend entgegen sprang, und dadurch meine Wuth vermehrte, den Degen in die Seite stoßen, Malchen, die sich mir schreiend um den Hals warf, weit von mir wegschleudern, aus dem Lusthause in den Garten, durch die Allee zur Gartenthür hinausrennen, auf mein Pferd springen, und in gestrecktem Laufe davon eilen – alle diese gewaltsame Handlungen waren das Werk von zwey Minuten, deren schreckliche Qualen alles, was je ein menschliches Herz Grausames erduldet, was je die Einbildungskraft eines Menschenquälers Schmerzliches erdacht und erfunden hat, weit und weit übertrafen.

»Vier Pferde todt geritten,« sagte ich kalt und bitter: »um sie – in den Armen eines Andern zu sehen!« –

Diese Worte wiederholte ich einmal über das andre, indem ich jedesmal den Kopf langsam dazu schüttelte. Endlich erlag meine Seele dem Schmerze, meine Zunge ward stumm, mein Ohr taub, und mein starres Auge sahe nichts mehr als den Kopf meines Pferdes, das mich, wohin es wollte, im Sprunge forttrug.

Drittes Kapitel.
Ein Nachtstück.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ehe meine Seele sich wieder so weit ermannte, daß sie einzelne Lichtstrahlen durch das Chaos von Empfindungen, die mein Herz zu sprengen drohten, zu werfen Gewalt genug hatte. Gewiß ist es, daß der Abend schon weit vorgerückt war, als mir die ersten Thränen, in die sich mein wilder Schmerz auflöste, über die Wangen herabrollten.

Ich wußte nicht, wohin mein Pferd mich getragen hatte, und dachte nicht eher daran, als bis mich ein gewaltiger Riß queer über das Gesicht, aufmerksam darauf machte. Ich befand mich in einem dicken Gebüsche, durch welches sich mein Pferd einen Weg bahnte, wahrscheinlich weil ich es von Zeit zu Zeit, ohne es zu wissen, gespornt hatte. Ich sprang ab. Jetzt fühlte ich erst, wie die körperlichen und geistigen Beschwerlichkeiten des Tages mich angegriffen hatten. Ich konnte mich nicht auf den Füßen erhalten, und meine Kniee sanken unwillkührlich unter mir zusammen. Mein Pferd blieb in einiger Entfernung von mir stehen, und stillte seinen Hunger mit den Blättern der umstehenden jungen Stauden.

Ich legte mich nieder. Auf meine Linke stemmte ich den Kopf, und mit der Rechten riß ich große Büschel Gras aus, und schleuderte sie weit von mir. Kein Seufzer, kein Laut kam über meine Lippen. Mein stummer Schmerz vergrub sich tief in mein Inneres, und da keine lindernde Tropfen über meine Wangen mehr flossen, mußte er in jenen ungestümen Bewegungen meiner rechten Hand sich ankündigen.

Malchen in den Armen eines Andern! Dieses Bild schwebte mir immerfort vor Augen, und peinigte mich am grausamsten. Zuweilen wurde es zwar von dem Bilde des Gestochenen verdrungen, aber dieses war mir bey weitem nicht so peinlich als jenes.