Unterdessen brach die Nacht ein. Mit ihr erhob sich ein Sturm, der in den Aesten und Wipfeln der umstehenden großen Eichen brauste, und sie bis auf die Wurzeln erschütterte. Um und neben mir rauschten und pfiffen die Blätter des Gebüsches, und große Regentropfen fielen mir einzeln auf Gesicht und Hände. Mein Pferd scharrte mit den Füßen, und wieherte vor Hunger und Kälte, während eine dicke Finsterniß alles was mich umgab in ihren schwarzen Schooß vergrub, und die ganze lebendige Schöpfung meiner Seele ähnlich zu machen schien.
Diese Empörung der Natur sagte der Empörung meines Herzens zu. Ich wickelte mich fest in meinen Oberrock, verbarg die Hände im Busen, das Gesicht unter meinem Schnupftuche, und dem Winde wandte ich gleichsam wie im Trotze den Rücken zu. So ganz in mich selbst versunken und verschlossen, sah ich den Bildern, die mir meine Einbildungskraft vorführte, mit Muth und Standhaftigkeit ins Gesicht, und endlich schien meine Seele ihrer gewohnt zu werden. Dies war Betäubung, aber eine sehr wohlthätige Betäubung, denn sie ließ Betrachtungen über die Zukunft in meiner Seele Raum.
Die Treulose je wiederzusehen, war ein Gedanke, vor dem ich zurückbebte, und doch schwebte sie immerfort vor mir. In meine Garnison zurückzukehren und mich von meinen Bekannten mit großen Augen ansehen, auch wohl aufziehen zu lassen, war ein zweyter, der mich um die Welt gejagt haben würde; und doch fühlte ich ein Verlangen, ihnen zu sagen, wie ich meinen Nebenbuhler bestraft hätte. Aber die Art, wie ich mich dabey benommen hatte, empörte mein Gefühl für Ehre, und machte mich schaamroth. Ich hatte ihn unversehens überfallen, und konnte fürchten, als Meuchelmörder verachtet und bestraft zu werden.
So vereinigten sich endlich Unwillen auf die Ungetreue, gekränkter Stolz, Furcht vor Verachtung, Schaam vor mir selbst, und endlich Angst des Mörders, um den Entschluß, nie wieder in meine Garnison zurückzukehren, in mir zur Reife zu bringen. Ich wollte bey einer andern Macht unter einem andern Namen Dienste nehmen, sollte es auch nur als Gemeiner seyn, um mich dadurch auf immer den Nachforschungen meiner Freunde zu entziehen.
Kaum war dieser Entschluß gefaßt, so sprang ich auf, um ihn auszuführen. – Aber, wo war ich? Auf welchem Wege war ich in dieses Gebüsche gekommen? Wie sollte ich mich herausfinden? Ich nahm mein Pferd her, setzte den Fuß in den Steigbügel, um davon zu reiten, und setzte ihn wieder auf die Erde, um den Tag zu erwarten. Mitten unter diesen Bewegungen hörte ich einen Hund bellen, der, nach dem Schalle zu urtheilen, nicht weit von mir seyn konnte. Ich arbeitete mich nach der Seite, wo der Schall herzukommen schien, durch das Gebüsch und zog mein Pferd hinter mir her. Das Gebell des Hundes kam mir immer näher, und endlich gelangte ich auf einen lichten Platz, an dessen einem Ende ein dürftiges Licht durch Gebüsche schimmerte.
Wäre es mir auch nur von weitem wahrscheinlich gewesen, ohne fremde Hülfe aus dem Walde zu kommen, so hätte ich mich dem Lichte gewiß nicht genähert, weil ich mir einbildete, man würde alles, was mir begegnet war, auf meinem Gesichte lesen können; und wirklich ging ich auch nicht eher auf das Licht zu, als bis ich, nach verschiedenen Seiten hin, einen Weg aus dem Walde gesucht, aber nicht gefunden hatte.
Viertes Kapitel.
Der alte Hans.
Ich pochte mit zitternder Hand an den Fensterladen. »Wer ist da?« rief eine männliche Stimme. »Ein Reisender, der sich verirrt hat!« antwortete ich. »Will gleich aufmachen!« rief der Mann, und ich konnte es hören, wie er aus dem Bette sprang. »Um Gottes willen! ließ sich eine weibliche Stimme vernehmen: mache nicht auf, Mann, wer weiß, wer es ist; es können wohl mehr seyn als einer. Sie schlagen uns todt, noch ehe wir um Hülfe schreien können!«
Der Verdacht des Weibes machte, daß mir alle Glieder zitterten. Sie hielt mich für einen Mörder, das griff mir ans Herz. Hätte ich mich nicht für einen gehalten, würde ich nicht gezittert haben. Es fehlte wenig, so hätte ich mich von neuem in das Dickigt zurückbegeben.
Der Mann schien sich zu bedenken. Endlich sagte er: ich will meine Büchse nehmen, und in Gottes Namen aufmachen! »Und ich nehme die andere!« sagte die weibliche. – »Und ich des Vaters Hirschfänger!« eine dritte Stimme, die ich einem Knaben zuschrieb.