Die Thüre ging auf, und ein langer Mann, der in der rechten Hand ein Gewehr und in der linken eine Leuchte hielt, trat heraus. Hinter ihm stand eine halbangezogene Frauensperson, welcher die Haare wild um den Kopf hingen, und neben ihr ein Knabe, der in der rechten Hand einen bloßen Hirschfänger hatte, und mit der linken sich fest an dem Vater hielt.
Der Mann wiederholte seine Frage, und ich trat näher und gab ihm die vorige Antwort. Mein Pferd, dessen Zaum ich in meiner linken Hand hielt, streckte seinen Kopf über meine rechte Schulter, und gab den Laut von sich, den die Pferde hören lassen, wenn man ihnen zu fressen bringt, oder wenn sie nach einer Tagereise eine bekannte Herberge vor sich sehen.
Der Mann machte einen langen Hals, und leuchtete das Pferd an. – »Ey, alter Hans,« sagte er, und richtete, ohne sich um mich zu bekümmern, seine Worte an mein Pferd: »wie kömmst du hieher?« – Dieses sagte er mit einer Freude, als wenn er einen alten Freund, den er lange für todt gehalten, unverhofft wiedergefunden hätte. »Ach, unser Hans, Mutter!« rief der Knabe, und sprang hervor. »Wer hätte das gedacht?« sagte die Mutter, und trat auch zu meinem Pferde hin. Ich mochte sagen und fragen, was ich wollte, man hörte mich nicht. Ihre Furcht vor Räubern und Mördern schien völlig verschwunden zu seyn: wie konnten sie auch etwas Böses von einem Menschen erwarten, der sich als den Besitzer ihres alten geliebten Hansen ankündigte?
Der alte Hans war immer das dritte Wort, während ich von einer brennenden Ungeduld gefoltert wurde. Endlich ließ ich dem Knaben den Zügel, und er führte das Pferd in das Haus. Die Mutter nahm dem Vater die Laterne aus der Hand und leuchtete dem Buben. Ich folgte dem Vater in die Stube.
»Ja,« sagte er, »wenn Sie meinen Hans nicht gehabt hätten, würden Sie nimmermehr nach meinem Hause gekommen seyn. Ich habe ihn erst vor acht Tagen an den Postmeister zu G* verkauft. – Bleiben Sie nur diese Nacht bey mir, morgen in aller Frühe bringe ich Sie aus dem Walde!«
Ich ließ es mir nothgedrungen gefallen, und nachdem ich ihm über seinen Hans mit drey Worten Auskunft gegeben hatte, erfuhr ich, daß ich mich in dem A* Gebiethe ohnweit W*, mithin sechs Meilen von Lehmniz und sieben Meilen von L* befände.
Der Alte ward sehr gesprächig, aber ich hörte wenig von allem was er sagte. Wie konnte ich es auch bey dem Sturme von Empfindungen, der in meiner Brust tobte? Ich stämmte mein Haupt auf beyde Hände, sah starr vor mich hin, und antwortete ihm endlich gar nicht mehr.
»Der junge Herr ist verdrüßlich,« sagte er zu Frau und Sohn, als sie zurückkamen, und mir erzählen wollten, daß sie den alten Hans in den Stall geführt und ihm zu fressen gegeben hätten: »Laßt ihn in Ruhe! – Doch setz' ihm zu Essen her,« fuhr er zur Frau fort, »wenn er etwa hungrig ist, und dann geh mit dem Jungen schlafen. Ich lege mich nicht mehr nieder, es ist bald zwey Uhr.«
Die Frau brachte Milch, Butter und Brod und entfernte sich mit dem Knaben. Der Alte näherte sich mir und sagte: »Junger Herr, hier ist zu essen, wenn Sie essen wollen, und dort mein Bette, wenn Sie schlafen wollen!« – Ich sah ihn gerührt an und reichte ihm stillschweigend meine Hand. Aber ich hatte weder Eßlust noch Schlaflust.
Sobald der Tag anbrach, setzte ich mich in Bewegung. Meinen Wirth fand ich bey meinem Pferde. Er hatte ihm zu Fressen gegeben, und war im Begriff, es zu striegeln. Ohne ihm ein Wort zu sagen, nahm ich Sattel und Zaum. Er wand mir beydes aus den Händen und sagte: ich sollte ihm die Freude lassen, seinen alten Hans zum letztenmale zu satteln. Diese Freude ließ ich ihm gern. Voller Ungeduld ging ich auf den Hof, denn er fing von neuem an zu bitten, daß ich doch noch ein Stündchen länger warten möchte. Man weiß schon, um wessentwillen er bat.