Endlich nach langem Zaudern führte er ihn aus dem Stall, und ich sprang in den Sattel, ohne zu bedenken, daß ich nicht durch die niedrige Hausthür würde reiten können. Ich mußte also wieder absteigen, und das Pferd durch das Haus führen. Vor der Thür sprang ich von neuem auf, und ritt davon. »He,« rief mir der Alte nach, »wissen Sie denn den Weg?« – Er schüttelte bedenklich den Kopf, und schien gar nicht mit sich einig werden zu können, was er aus mir machen und wie er sich mein Betragen erklären sollte.

Welch eine Pein für mich, daß ich meinem Wegweiser zu gefallen langsam reiten, länger als eine Stunde langsam reiten mußte. Die hellen Tropfen standen mir vor der Stirn, und tausendmal fragte ich ihn: kann ich den Weg nun allein finden? Endlich sagte er ja, und schon hatte ich die Füße aufgehoben, um meinem Pferde die Spornen zu geben, als es mir erst einfiel, dem guten Alten zu danken. Ich griff in meinen Beutel und reichte ihm, was mir in die Hand fiel. Er wollte nichts nehmen und ich brannte vor Eifer, es ihm zu geben, weil ich – fort mußte. Als er mir endlich zu viel Umstände machte, warf ich eine ganze Hand voll Silbergeld hitzig über ihn her, und sprengte davon. Er rief mir nach: »da heißts wohl recht, es schneyet Geld!« – Ich sah mich nicht nach ihm um – – »Adje Hans!« rief er noch stärker. – Mir hatte er keine glückliche Reise gewünscht.

Fünftes Kapitel.
Funken unter der Asche.

Nach einer Stunde sah ich mich glücklich im Freyen. Ich erkundigte mich bey dem ersten Bauer, der mir begegnete, nach dem Wege, der nach W* führte. Ich erfuhr, daß ich die Landstraße nur verfolgen dürfe, um gerade auf die Stadt zu stoßen. Aber es war meine Absicht, um sie herum und nicht hinein zu reiten.

Mein Entschluß war nun gefaßt: ich wollte gerade nach B* und mich dort zu K* Diensten anwerben lassen. Es war mir gleich, wozu man mich machen wollte, zum Kavalleristen oder Infanteristen, zum Kaporal oder zum Gemeinen – wenn ich nur meinen Bekannten und Freunden verborgen blieb.

Gegen Abend befand ich mich nicht weit von D*. Ich war fast in einem Zuge fortgeritten, und hatte mir kaum Zeit genommen, des Mittags mein Pferd füttern zu lassen und selbst einige Bissen zu mir zu nehmen. Ich war Willens, noch diese Nacht wenigstens bis zur B* Gränze zu reiten, aber ein unwiderstehlicher Schlaf überfiel mich, während ich in einer Dorfschenke am Tische saß und meinen Gedanken nachhing. Als ich am andern Morgen erwachte, fand ich mich noch in eben der Stellung, in welcher ich den Abend vorher eingeschlafen war. Es herrschte eine Stille in meiner Seele, die mich überzeugte, ich sey ganz ruhig und habe von den gewaltsamen Empfindungen, die mich bisher Tag und Nacht umhertrieben, nun nichts mehr zu fürchten.

Ich setzte meine Reise fort, und in einer halben Stunde hatte ich D* vor mir. Auf lauter Abwegen, über Sand und Wiesen und Aecker, ritt' ich um diese Stadt, und ließ mich an eben der Stelle, und vielleicht noch auf eben derselben Fähre über die Elbe setzen, die mich als Knabe überfuhr, nachdem ich dem Bedienten meines Vaters aus dem Wirthshause unter den Händen entlaufen war.

Binnen drey Stunden war ich an der B* Gränze. Jetzt fiel es mir erst ein, daß ich in meinem Anzuge wohl nicht in B* hineingelassen werden dürfte. Unter meinem grünen Oberrocke trug ich die ganze S* Uniform, an meinem Degen das S* Porte-Epee und um meinen Hut S* Kordons. Alles mußte ich ablegen, weil ich mich durch keinen Paß verwahren konnte.

Ich ritt in den Wald, der vor mir lag, und stieg in einem dicken Gebüsche vom Pferde. Zuerst schnitt ich die Kordons von meinem Hute, sodann zog ich meine Uniform aus und legte endlich meinen Degen ab. Mein Herz war unbeschreiblich beklemmt, und wenn ich die vor mir liegenden Kleidungsstücke ansah, stiegen mir unwillkürlich die Thränen in die Augen. Ich trug endlich das Ganze zu einer Fuchshöhle, die in der Nähe war, steckt' es hinein und vergrub es unter Reisern, Sand und Steinen. Mit gefalteten Händen, den nassen Blick auf die Stelle geheftet, wo ich meinen vorigen Stand begraben hatte, stand ich da, und brach endlich schluchzend in die Worte aus: so ist denn alle Hoffnung zur Rückkehr verschwunden? –

Ich erschrak vor mir selbst. Ich weinte, daß ich nicht mehr zurückkehren konnte, und schnitt mir selbst alle Hoffnung zur Rückkehr ab. Ich war Tag und Nacht geritten, um ihrem Bilde zu entfliehen, und nie war es mir näher, als jetzt. Ich verabscheuete sie, als ich sie sah, und liebte sie, als ich dreyßig Meilen von ihr war!