O Liebe, du bist der Phönix, der sich selbst verbrennt, um auf neuen Fittigen emporzuschweben. Du bist der Vogel, von dem man sagt, daß er seine Jungen mit eignem Blute nähre. Du bist das Bild der Natur, die ewig sich selbst entblättert und ewig neue Knospen treibt. Dein Schmerz ist Wollust, deine Wollust ist Schmerz. Du siehest mit verschloßnen Augen, und mit offnen bist du blind. Du bist nur selten Du selbst; unter tausend Gestalten quälst oder beglückest du das Herz, in welchem du wohnest; du bist Hoffnung und Verzweiflung; du bist Honig und Wermuth, Ruhe und Unruhe, Leben und Tod; du bist das alles auf einmal, und vereinigest das alles, sobald du willst, in einem Blick, in einem Seufzer, oder in einer Thräne.

Sechstes Kapitel.
Moriz wird Jäger.

Alle die gewaltsamen Empfindungen, die von dem Augenblick an, wo ich Malchen in eines Andern Armen gesehen hatte, in meiner Seele stürmten, bekamen jetzt neue Nahrung, und durchliefen, wie damals, alle die Grade von Eifersucht, Wuth, Unwillen und Schmerz, bis sie endlich, wie damals und durch eben dieselben Gegengründe verdrängt, in den festen Entschluß zusammen flossen: die Treulose nie wieder zu sehen, und deßhalb nie in jene Gegenden zurückzukehren.

Ich sprang auf mein Pferd und ritt weiter, aber doch langsamer als ich seit zwey Tagen zu reiten gewohnt war.

»Reiten wir Einen Weg?« hörte ich eine Stimme hinter mir.

Ich sah mich um, und erblickte einen Herrn auf einem stolzen Engländer. Ihm folgte ein Reitknecht zu Pferde, dem zwey Büchsen über der Schulter hingen.

Vielleicht! erwiederte ich: Ich reite nach B*.

»Der Herr ist schon d'rin!« sagte er lächelnd. Ich muß über und über roth geworden seyn.

»Der Herr ist ein Jäger?«

Ja, sagte ich in aller Eil, um seinen Fragen auszuweichen.