Zudem sind die Kinder einer Ippata murruwi Kumbo und Mata murruwi, jene einer Buta gnuri Ippai und Ippata gnuri, und alle ihre Nachkommen bleiben in alle Ewigkeit Murruwi und Gnuri.[385] Wie man sieht, spielt der Kobong hier die Rolle der indianischen Totem, wenn er auch in dem beschriebenen Kastenverhältnis zunächst weniger in die Augen fällt. Es ist glaubhaft, dass derselbe von einem Gewächs oder einem Tiere hergeleitet ist, das an dem Stammsitze des Clans seinen Standort hat, und nicht umgekehrt, dass der Stamm den Namen gegeben.

Die Frage über den Ursprung des Totemismus, so weit sich dieselbe auf die mythologischen und theologischen Thatsachen der Verehrung eines bestimmten Wappen-, Schutz- und Namenstieres bezieht, was zu Betrachtungen über den Tierkult im allgemeinen führen würde, lasse ich hier unerörtert. Gegen Mac Lennan und Sir John Lubbock erhebt sich Edward B. Tylor;[386] doch zieht die Geschichte der Familie keinen Nutzen aus dem Streite, wenn man deren Wurzeln nicht, wie Dr. Wilhelm Schneider und andere, in religiösen, von vorn herein gegebenen Vorstellungen, gewissermassen in göttlichen Vorschriften sucht. Welche Gründe einen Clan zur Annahme dieses oder jenes Schutztieres bewogen, ist gleichgültig; wichtig dagegen festzuhalten, dass der Clan schon vorhanden war, als er sich die gewählte Bezeichnung beilegte, nicht etwa, dass letztere erst den Clan gewissermassen schuf, indem sie für dessen einzelne Glieder das zusammenhaltende sprachliche Band gewährte. Die Entstehung des Clans, wie Kautsky sie sehr natürlich und schwer widerlegbar darstellt, war jedenfalls vollkommen unabhängig von allen mythologischen Einflüssen.

Das Beispiel der australischen Kamilaroi, bei denen ich länger verweilt, lehrt, wie sehr man sich übrigens hüten muss, der Exogamie eine zu grosse Tiefe zuzuschreiben. In Australien, liest man zumeist, sei die Exogamie Regel, werde wirklicher oder scheinbarer Weiberraub geübt, immer aber das Weib aus einem fremden Stamme geholt. Dem ist aber, wie wir sahen, nicht so, denn nicht die Verbindungen innerhalb des Stammes, sondern nur unter Gliedern des gleichen Kobong sind untersagt. Es ist die leidige Verwechslung von Stamm, Clan und Familie, von welcher sich die wenigsten Ethnographen losmachen können, schuld an solchen Verwirrungen. Es ist also hauptsächlich die Blutnähe, wie sie innerhalb eines und desselben Kobong zwischen den einzelnen Mitgliedern wegen der Abstammung durch die Mutter existieren muss, welche die Kamilaroi und mit ihnen andere Australier meiden. Dr. Schneider, der ebenfalls den Clan mit der Familie verwechselt, thut aber Unrecht, diese Scheu als einen Beweis dafür anzuführen, wie weit die Australier schon vom Urzustande entfernt seien.[387] Abgesehen davon, dass letzteres niemand bezweifelt, hat ja Moriz Wagner gezeigt, in wie frühe Epochen die Bildung dieses Instinktes zu versetzen ist. Begründet Scheu vor Blutnähe noch nicht Exogamie, welche als unerlässliche Hauptbedingung Beweibung ausserhalb des Stammes erheischt, so soll doch nicht geleugnet werden, dass in Australien häufig genug Verbindungen zwischen Individuen verschiedener Stämme, nicht Clans, vorkommen. Das ist dann erst die wahre Exogamie, sei sie nun von Gewaltthaten begleitet oder nicht, sei sie ein Raub, eine Eroberung, ein Tausch oder einfach ein Kauf.

Man darf nun annehmen, dass nachdem die durch das Zusammenleben verursachte Scheu vor Blutnähe unter Hinzutritt wirtschaftlicher Ursachen den Weg zur Exogamie gewiesen und diese noch durch die Befehdung und Unterwerfung fremder Stämme gefördert worden, der Vorteil der Kreuzung gar bald den exogamen Sitten huldigenden Völkern ein ausgeprägtes Übergewicht verlieh. Auch aus diesem Grunde kann ihr häufiges Vorkommen bei den niederen Rassen nicht auffallend erscheinen. Hatte dieser Zustand der Dinge eine Zeitlang bestanden, so steigerte die Macht der Gewohnheit bei den betreffenden Stämmen die schon vorhandene Abneigung gegen jede Vermischung mit einem Mädchen des eigenen Kreises zu solcher Höhe, dass diese Abneigung zur wahren Scheu wurde und schliesslich die Kraft eines religiösen Dogmas annahm, welches unsere entwicklungsfeindlichen Ethnologen gerne als ursprüngliches Sittengesetz, als Ursache statt als Wirkung ausgeben. Aber auch wo Frauenraub üblich war, erhielt sich die Muttergruppe und mit ihr, soweit es um die rechtliche Seite sich handelt, die „Mutterfolge“. Noch aber gab es anfänglich keine „Ehe“, daher auch die von mehreren Schriftstellern gebrauchte Bezeichnung „Raubehe“, als gleichbedeutend mit Weiberraub, für jene ersten Zeiten nicht zutrifft. Erst nachdem in sehr langer Dauer der Frauenraub das Privateigentum am Weibe begründet hatte, darf man vielleicht von einer „Raubehe“ sprechen. Für den Anfang schufen weder Exogamie noch Frauenraub etwas unserem Ehebegriffe Ähnliches. Sie änderten zuerst nur wenig an den Zuständen der vaterlosen Muttergruppe, welche überall, ohne Rücksicht auf Exogamie oder Endogamie, die Grundlage bildete, aus welcher verschiedene Gesellschaftsformen sich auszuspitzen vermochten.[388]

[363] Lippert. Kulturgeschichte. Bd. II. S. 10.

[364] Humboldts Reise in die Äquinoctial-Gegenden. Bd. II. S. 15–16. „Gewiss sind dies Verwandte von mir, denn ich verstehe sie, wenn sie mit mir sprechen,“ sagen Indianer von einander, die sich nicht kennen und in den Missionen zusammen treffen. (A. a. O. Bd. IV. S. 17.)

[365] A. a. O.

[366] Walter Bagehot. Physics and Politics. London, 1872. S. 42.

[367] Moriz Wagner im Kosmos 1886. Bd. I. S. 21.