Die Du ersehnt, wie Keiner, jetzt erblühen
Zu ewigem Schmucke Deiner Dornenkrone!
Den 14. Mai.
Heute werde ich 67 Jahre alt, und bin nun so bejahrt wie der Vater, als er starb. Vor drei Monaten war mein Haus so gut bestellt, daß ich ruhig dahinfahren konnte; es ist nicht meine Schuld, daß es jetzt ganz anders steht. Ein Glück, daß Frau und Kinder darüber ruhiger und gefaßter sind, als viele Andere, die mit Seufzen und Wehklagen nicht das Geringste ändern können und sich und ihren Umgebungen nur das Leben sauer machen.
Heute schreibe ich meinen Mitbürgern, daß ich das Amt eines Stadtverordneten niederlege und nicht wieder gewählt sein will. Dafür sprechen viele — unerfreuliche — Gründe. Alter, Übermaß der Geschäfte, falsche Richtung der Verwaltung, welche die Stadt bankerott und die Besitzlosen zu Herren macht, Unmöglichkeit ohne Gewalt aus der Anarchie zur Ordnung zurückzukehren u. s. w. Wenn man mich endlich bei den Wahlen für die Reichstage als verbraucht (usé) betrachtet hat, und meine gemäßigten Grundsätze feige und ungenügend nennt, so will ich auch andern und jüngeren Kräften überlassen, mit größerer Weisheit den städtischen Augiasstall auszumisten.
Die Frage über die Rückkehr des Prinzen von Preußen hat zu zwei sehr unruhigen Nächten Veranlassung gegeben; die Unruhstifter wünschten die Gelegenheit zu benutzen, in die Republik hineinzuspringen. Siegt das Ministerium, so ist dies ein großer Gewinn; eine Niederlage wäre ein großes Unglück.
Die Zeiten, wo Politik oder Theologie allein herrschen, sind allemal unglücklich; alles Andere wird vergessen und mit der ächten menschlichen Bildung geht es rückwärts. Auch die Studenten vernachlässigen ihre Wissenschaft und wollen Dinge anordnen und beherrschen, die sie nicht verstehen und die gar nicht ihres Amtes sind. Als ich vorgestern nachsehen wollte, ob ich wohl Zuhörer fände, hieß es: Heute sei keine Zeit, Vorlesungen zu hören; die Studenten rathschlagten über den Prinzen von Preußen und die Entlassung des Ministeriums!!!
Ich weiß noch nicht, welche literarische Arbeit ich vorzugsweise unternehmen und ob ich etwas niederschreiben soll. Die Zeit des französischen Terrorismus und Direktoriums erschreckt mich, oder widert mich an. — Vielleicht am besten, ich schreibe gar nichts mehr; dann mag das Büchlein, welches ich anonym und unter dem Titel Spreu ausgehen ließ, für eine Art von Testament gelten. Es würde mir wahrscheinlich einiges Lob und noch mehr Tadel verschaffen, wenn unsere Zeit Zeit hätte, sich um kleine Bücher zu bekümmern.
Bis etwa 14 Tage nach dem 18. März war überall (auch bei den Stadtverordneten) fast nur die Rede von den unsterblichen Barricadenhelden, die ihres Gleichen in der ganzen Weltgeschichte nicht hätten, gegen welche Leonidas und seine 300 Spartaner nur jämmerliche Stümper wären, denen man in Marmor und Erz ewige Denkmale errichten müsse u. s. w. Seit 4–6 Wochen nimmt keiner mehr das Wort Barricade und Barricadenheld in den Mund, der 18. März wird zum noli me tangere; und in vertrauteren Gesprächen wünscht man die Helden, und die polnischen, französischen und deutschen Anordner der „glorreichen“ Nacht, zum Teufel. So ändern sich die Zeiten; und es ist für ein Glück zu achten, wenn die höchlich erzürnten Bürger nicht die Proletarier nächstens (wie in Rouen) niederschießen müssen um Ordnung herzustellen. Sehr natürlich fordern die vergötterten Helden den Lohn ihrer Heldenthaten. Wir, sagen sie, haben euch die Freiheit erkämpft, während ihr furchtsam hinter dem Ofen saßet u. s. w. — Und neben der Faulheit und dem Übermuthe, geht wahre, furchtbare Noth her, entstehend aus dem Stillstande des Verkehrs und der Fabriken. Früher haben die Fabrikherrn meist das Billigste verweigert; jetzt werden sie zum Unbilligsten gezwungen — und dadurch bankerott.