Sie soll aber, ruft man, keinen Kaiser erwählen! Wer hat denn aber dazu ein größeres Recht? Wo sind denn die alten sieben Kurfürsten; woher denn 34 oder 38 neue Kurfürsten? Werden sich diese jemals einigen, wie es die Reichsversammlung gethan hat? Und wer soll entscheiden, wenn Widersprüche sich kundgeben? — Warum (fährt man fort), warum einen Kaiser? Freilich sprechen Etliche, als sei das Kaiserthum eine funkelhagelneue Erfindung verschrobener Theoretiker und pedantischer Professoren. Sie wissen nicht, oder wollen nicht wissen, daß seit einem Jahrtausend Kaiser an der Spitze Deutschlands standen, und es am schlechtesten mit unserem Vaterlande bestellt war, wenn sie unwirksam blieben, oder ihr Stamm ausging.
Ich komme zu der, für uns nächsten und wichtigsten Frage: welche Folgen werden aus den bevorstehenden Beschlüssen für Preußen entstehen? — Sie werden, wer kann es läugnen, von der größten Bedeutung sein! Wir betreten eine Bahn, wo Muth, Ausdauer, Vaterlandsliebe, Aufopferung zur Erreichung eines unendlich erhabenen Zieles, zweifelsohne nöthig sind. Zu behaupten: daß diese Eigenschaften nicht vorhanden seien, und man ein bequemes, thatenloses Weiterleben vorziehen müsse, wäre der Preußen unwürdig. Hätte der große Kurfürst im Jahre 1640, Friedrich II. 1740, Friedrich Wilhelm III. 1813, nicht klug und kühn hineingegriffen in die großen Bewegungen der Zeit, hätten sie ängstlich berechnet und abgewogen, Preußen wäre niemals zu weltgeschichtlicher Bedeutung emporgestiegen, es wäre zu Grunde gegangen.
Es wäre anmaßend und unpassend, über die künftigen Entschlüsse Sr. Maj. des Königs hier ein Urtheil auszusprechen; die frankfurter Abgeordneten (und die, wie es scheint, gleichgesinnte Versammlung) betrachten jedoch die Kaiserwahl als eine vollendete Thatsache. Es lebe deshalb hoch, Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, erwählter Kaiser der Deutschen!
In dies Vivat stimmten Alle mit lautem Jubel ein.
Hinter unseren Stühlen standen viele, zum Theil sehr hübsche, Frauen und Mädchen, welchen ich mich dadurch gefällig zu zeigen suchte, daß ich die ihnen unbekannten Abgeordneten nannte.
Der Empfang in Berlin war feierlich, sofern Abgeordnete des Magistrates, der Stadtverordneten und beider Kammern unserer warteten und uns anredeten; für mich, der ich Berlin kannte, blieb aber nicht verborgen, wie der unglückliche Belagerungszustand die Äußerungen des Beifalls (oder auch des Mißfallens) hemmte, und eine kritische Betrachtungsweise der ganzen Sache hervortreiben mochte, zu welcher die Berliner ohnedies allzusehr geneigt sind.
In vielen Wagen (jedesmal zwei Abgeordnete und ein Mitglied des Magistrats oder der Stadtverordneten) fuhren wir nach den Linden, wo Alles für die Aufnahme aufs Schönste vorbereitet war. Überhaupt muß ich schon hier bemerken, daß Magistrat und Stadtverordnete nicht allein alle Kosten unseres Aufenthaltes übernommen, sondern auch alles irgend Mögliche gethan hatten, um ihn bequem, lehrreich und angenehm zu machen.
Auf die Notifikation unserer Ankunft ließ Herr Graf Brandenburg den Reichstagspräsidenten Simson einladen, zu ihm zu kommen. Will man über Lappalien der Etikette und des Ceremoniels streiten, so konnte man fragen, ob diese Form die angemessenste war. Niemand legte indeß ein Gewicht auf diese Dinge, und da Herr Simson überdies sehr unwohl war, so eilten die Herren Beseler und Riesser zum Grafen Brandenburg und legten ihm vor, was der Präsident Simson Namens der Reichsversammlung dem Könige sagen wollte. Er fand dagegen nichts zu erinnern; die mündliche (später auch schriftlich wiederholte) Bitte, uns Das mitzutheilen, was der König antworten wollte, ward hingegen nicht berücksichtigt; — es sei, weil man sie unschicklich fand, oder spätere Änderungen des ersten Entwurfes eine solche Mittheilung unmöglich machten. Gewiß würde sie nützlich gewirkt und auch wohl zur Abänderung einzelner Ausdrücke geführt haben. Vorläufig beruhigte jedoch Das, was der Graf Brandenburg am 2. April in den Kammern über die deutsche Angelegenheit gesagt hatte.
Die spät Abends eingehende Nachricht, daß uns der König den 3. April auf dem Schlosse empfangen wolle, und daß wir zum Mittagsmahl nach Charlottenburg eingeladen wurden, erfreute Viele als ein Zeichen raschen, günstigen Entschlusses. Ich erschrak darüber sehr, weil sie jede vorläufige Verständigung unmöglich machte, und ich befürchtete: man wolle uns jede Einwirkung abschneiden und eiligst mit einem ungenügenden Bescheide nach Hause schicken.
Des Königs Absicht war gewiß gut und edel; er wollte sich nach allen Seiten hin (gegen die Reichsversammlung und die Regierungen) billig und gemäßigt zeigen, selbst den Schein der Anmaßung vermeiden, jeder Übereilung aus dem Wege gehen, und die Frucht erst pflücken, wenn sie ihm (unter allgemeinem Beifall) dargeboten werde. — — —