— — — Jene Erklärung, welche Alle befriedigen sollte, genügte indeß Niemand. Die eine Partei tadelte: daß der König die frankfurter Abgeordneten nicht als unberechtigt verdamme, statt in ihnen Vertreter des Volkes zu erblicken und aus ihrer Kaiserwahl ein Recht abzuleiten. Die frankfurter Abgeordneten hingegen faßten die zweite Hälfte jener königlichen Erklärung dergestalt auf, daß sie ihr ganzes Verfassungswerk nochmals in Frage stelle; Annehmen, Ändern oder Verwerfen in die Hände der Fürsten lege, und sich mit der leeren Hoffnung schmeichele, daß 38 Regierungen den natürlichen und gerechten Wünschen Preußens einiger und williger entgegenkommen würden, als die Vorkämpfer in Frankfurt! — —
— — — — Nach beendigter Rede sprach der König mit jedem Einzelnen. Es sind über diese Gespräche, leichtsinnig oder böswillig, die unwahrsten Nachrichten verbreitet worden, und ich selbst habe öffentlich den Erfindungen und Lügen widersprechen müssen. Ebenso erklärte Herr Beseler: die Zeitungsberichte hätten den Hergang ganz entstellt. Läugnen läßt sich jedoch nicht, daß der König wohl absichtlich vermied, den großen Gegenstand zu berühren, welcher die Köpfe und Herzen aller Abgeordneten erfüllte. — — —
Dennoch verletzten einzelne, trotz aller Vorsicht entschlüpfte Äußerungen noch mehr, als der König voraussehen konnte. — — — In Erinnerung an den Jubel, die Begeisterung, die Reden, die Herzensergießungen, die glänzenden Hoffnungen, die Freudenthränen u. s. w., welche unsere Reisetage belebten und verherrlichten, — erschien freilich das Hoffest in Charlottenburg peinlich und drückend, steif und kalt. — — Welch ein Tag! und doch kein Sonnenstäubchen von Begeisterung, Vertrauen, Liebe, Glaube, Hoffnung!!
Ich will nicht (vielleicht unrichtig) Das erzählen, was der König Anderen sagte, sondern nur erwähnen, daß ich mir erlaubte, die vorliegende große Sache wenigstens in etwas zu berühren. Als mich Herr Simson auf dem Schlosse namentlich vorstellen wollte, sagte der König: „o, Raumern kenne ich; wie geht es!“ Ich antwortete: „ich rechne es mir zum Glück und zur Ehre, an dieser wichtigen Botschaft Theil zu nehmen, um den Marschall Vorwärts, welchen Deutschland braucht, an die Spitze zu stellen.“ — Der König: „Nun, wenn man mich braucht, werde ich nicht fehlen.“ — Ich: „Es ist Preußens Pflicht und unausweichbarer Beruf, die Oberleitung in Deutschland zu übernehmen u. s. w.“
In Charlottenburg sagte der König zu einem mir unbekannten Nachbar: „Raumer hat mir früher (Frühling 1813) Vorlesungen gehalten über Verfassungskunde.“ — Ich erwiderte: „Ew. Majestät, das war sehr unbedeutend, eine Zeit des Bedenkens und Überlegens; bald aber kam die große Zeit des Handelns und die Schlacht bei Leipzig.“ — Auf meine Bemerkung: 20 Regierungen hätten sich ja bereits unsern Planen und Beschlüssen geneigt erklärt; — antwortete der König: Nein, 26.
Nach einigen unbedeutenden Zwischenreden, deren ich mich nicht genau erinnere, sagte ich dem Könige: „wir haben Sehnsucht nach Heimat, Frau und Kindern, und wünschen unserer frankfurter Macht ledig zu werden. Lassen Sie bald in Deutschland die neuen Wahlen für eine zweite Reichsversammlung vornehmen.“ — Der König: „Nun, wenn die Noth am größten ist, ist die Hülfe oft am nächsten.“ — Ich: „Ich nehme dankbar diese Erklärung an im Namen aller meiner Mitabgeordneten.“ —
Durch das Mittagsmahl in Charlottenburg hatte sich die Stimmung der Abgeordneten nicht gebessert. Sie erklärten fast einstimmig: man müsse die (vorläufig angenommene) Einladung des Magistrates und der Stadtverordneten, ins Theater zu gehen, nunmehr ablehnen. — Da widersprach ich und sagte: Es kommt gar nicht darauf an, ob wir aus genügenden Gründen abgeneigt sind, ins Schauspiel zu gehen, sondern darauf daß diese Gründe allen Anderen unbekannt sind, Plätze für uns aufbewahrt, Anstalten zu unserem Empfange getroffen wurden, das ganze Publikum ungeduldig unser harrt, und Magistrat und Stadtverordnete (welche vor der Thür stehen) uns aus vielen Gründen dringend bitten, zu erscheinen. Es wäre unser Ausbleiben, nach so viel Beweisen des Wohlwollens, eine große, unverantwortliche Unhöflichkeit gegen Magistrat und Stadtverordneten, gegen Stadt und Land. — Es kostete große Mühe, jener Abneigung Herr zu werden; die günstige Aufnahme im Theater bestätigte indeß meine Behauptungen und gab Zeugniß über die öffentliche Stimmung.
Dem schweren, beängstigenden Tage folgte ein tröstlicher, beruhigender Abend. Viele Abgeordnete haben über denselben und die Gespräche, welche der Prinz und die Prinzessin von Preußen über Preußens und Deutschlands Wohl mit höchster Theilnahme führten, in Briefen und Druckschriften so umständlichen und begeisterten Bericht erstattet, daß ich mich veranlaßt sehe, nichts hinzuzufügen, sondern lediglich darauf zu verweisen.
Ebenso wird es bald ein öffentliches Geheimniß sein, daß, warum und auf wessen Veranlassung ein für die frankfurter Beschlüsse viel günstigerer Entwurf der königlichen Antwort bei Seite gelegt und eine Bahn betreten wurde, auf der es gewiß an den größten Hindernissen nicht fehlen wird.