Wie kann man hoffen, solch eine sittliche Ausartung, durch weiße Salben und Constitutionsgichtpapier auszuheilen oder zu vertilgen? Wie kann man sich wundern, wenn Ärzte einer anderen Schule (wie Windischgrätz) versuchen, mit Schneiden und Brennen eine Besserung aufzuzwingen? So weit ist es gekommen, daß man sich fast des Verkehrten freut, in der (freilich oft täuschenden) Hoffnung, dies werde auf den Weg des Besseren zurückführen! So hat das Verweigern der Steuern in Berlin, das Verwerfen der Frankfurter Vermittelung, und das Übertriebene der von der Linken vorgeschlagenen Bedingungen, Vielen die Augen geöffnet, und der Regierung mehr genützt als geschadet. — Es giebt in unseren Tagen leider viele Fälle, wo man kaum weiß, was man thun soll; gewiß aber hätte ich mich in Berlin, in jeder Weise, obigen Thorheiten, oder Verbrechen widersetzt, und mich in Paris bei der Abstimmung über Cavaignac, nicht durch Parteizwecke vom Abstimmen für Wahrheit und Recht abhalten lassen.

Wie im Sprechen und Handeln wird auch im Schreiben nur zu oft die Wahrheit umgangen und entstellt, z. B. von den Geschichtschreibern der Revolution. Bei Mignet ist der König mit seinen Freunden für jede That zurechnungsfähig, die Jakobiner sind gerechtfertigt par la force des circonstances; bei Thiers hat Napoleon überall Recht, und jeder widersprechende Unrecht; Blanc schreibt baaren Unsinn für unsinnige Zwecke, und Lamartine giebt Dekorationsmalereien auf Glanzpapier, mit Goldschaum aufgehöht.

Den 28. November.

Die römischen Frevel machen hier sehr großen Eindruck, und es kommt heute in der Nationalversammlung zur Sprache, was Frankreich für den Papst thun wolle. Ein Wahnsinn der ärgsten Sittenlosigkeit durchraset ganz Europa, fast ärger als der theologische früherer Zeiten; und so wie man sich damals durch Mißdeutung biblischer Stellen eine von allen Banden gelösete, angebliche höhere Moral bildete, stellen jetzt die Anarchisten die höchste Willkürlichkeit ihres hochmüthigen Beginnens hinauf über alle ewigen Gesetze menschlicher Würde. — Als ich gestern Hrn. — (einem Quasigesandten der Sicilianer) sagte: gründet man die Freiheit durch Mord? Wird dies die Theilnahme für Italien erhöhen? bemerkte er: aber Hr. Rossi hat viele Fehler begangen. — Als wenn dies Recht zu, oder Entschuldigung für Verbrechen gäbe!

800 Schuster haben ein Bankett gehalten, wo ihnen einer der neuen Propheten (ein ehemaliger Arbeiter), Herr Peter Leroux sagte: viele Schuster denken und sprechen weit besser d’association, als Mitglieder der Nationalversammlung. Ein Mitglied des Instituts, ein Dichter wie Lamartine, ein General wie Cavaignac, ein Napoleon, — ist nicht mehr wie ein Schuster! — Ces paroles ont été suivies de vives acclamations! — Schwerlich würde es viel wirken, wenn man diesen Schustern die Geschichte erzählte, vom ne sutor ultra crepidam.

Den 29. November.

Gestern Abend wollte ich mich dem Hrn. General Cavaignac in seiner sogenannten Soiree vorstellen, fand aber die Straße so mit Wagen überfüllt, daß ich ausstieg, um zu Fuße weiter vorzugehen. Bald aber zeigten sich auch hier unübersteigliche Hindernisse. Tausende nämlich von Nationalwache und Officieren rückten in geschlossenen Reihen vorwärts, und ob sie mich gleich mehre Male höflichst durchließen, gelangte ich doch nur bis in das erste Zimmer; wo diesmal keine Hitze, sondern bei offenstehenden großen Fenstern und Gartenthüren ein gewaltiger Zug war. Obgleich ich meinen runden Hut (mit Hülfe einer neuen Erfindung) zusammendrückte und mich vereinzelte schwarze Krähe so schmal machte wie möglich, blieb es doch unmöglich weiter vorzudringen. Kein plus ultra, sondern Rückzug bis zur Hausthür; wo es mir mit Mühe gelang, meinen Namen in ein Buch einzuschreiben. Unterdeß hatte die Polizei die Überzahl von Wagen in andere Straßen gewiesen; der meine war nicht aufzufinden, und so mußte ich den weiten Weg nach Hause laufen. — Noch nie war es so voll bei Cavaignac, vielleicht in Folge seiner siegreichen Vertheidigung am vorigen Sonnabend.

Ludwig Bonaparte hat sich ein Manifest machen und es gestern verkündigen lassen. Im Vergleiche mit seinen Wünschen, ist Heinrichs IV Wunsch, „eines Huhns im Topfe,“ — nicht des Erwähnens werth; und gehen seine Versprechungen in Erfüllung, so bricht die goldene Zeit herein, der Himmel fällt auf die Erde, und Jeder steckt davon so viel in die Tasche als ihm beliebt. Aller Streit, alle Unordnung, alle Leidenschaft nimmt ein Ende, und die entgegengesetztesten Personen arbeiten in milchbrüderlicher Einigkeit an dem neuen Paradiese. So sagte schon John Cade: I would by contraries execute all things.

Den 30. November.

Sonst kannte selbst die Fabel nur zwei Gefahren, von zweien Seiten, Scylla und Charybdis; jetzt sitzt man, wie ein indischen Büßer wenigstens zwischen vier Feuern und Sonnenbrand von oben. Welch eine klägliche Rundschau bietet Europa: Portugal, im Vergleiche mit den Zeiten Vasco di Gama’s und Albuquerque’s; Spanien, in dessen Landen die Sonne nie unterging; Frankreich, nach 60jährigen Bestrebungen, zum bloßen Lotteriespiele verdammt; Deutschland, wo Centralisation und Partikularismus, Reaktion und Radikalismus sich wechselseitig zu Grunde richten; Italien, Mordfeste feiernd und die Wiedergeburt im überbieten alter Frevel suchend. Möchte man zuletzt nicht in der Verzweiflung nach Rußland fliehen, weil dort doch noch Glauben an eine geordnete Regierung und Gehorsam im Gemüthe zu finden ist!?