Als sich das Gespräch auf die österreichischen Angelegenheiten wandte, bemerkte ich: es scheine mir der rechten Politik Frankreichs gemäß, daß es jene Macht nicht sinken und zerstückeln lasse; und Hr. Bastide erwiderte: ich entwerfe soeben ein Schreiben ganz in diesem Sinne. Denn wenn er auch den Gang nicht billigen könne, den Österreich in einigen Beziehungen neuerlichst eingeschlagen habe, würde sein Fall doch ein großes Unglück für Europa, also auch für Frankreich sein.
Gestern war die hiesige Ministerkrisis noch nicht zu Ende, und Cavaignac würde sich bei der neuen Wahl wohl noch mehr der Rechten nähern, wenn nicht die eifrigen Republikaner laut widersprächen. Jene Hinneigung zur jetzigen Rechten dürfte den Sachen wohl vortheilhaft sein; daß aber die Legitimisten sich dadurch sollten abhalten lassen, Louis Bonaparte auszuspielen (um zunächst wie die Republik, so das Kaiserthum zu parodiren), steht noch gar nicht fest. Vor der Präsidentenwahl (so scheint es) wird Cavaignac seine Gewalt nicht niederlegen und auch der friedliche Bastide sich wohl halten, bis mein Tagesfliegengesandtenleben zu Ende geht. Doch sagte er gestern spät seine Abendgesellschaft ab, was Sorgen hervorruft und die Geschäfte im Stillstand erhält. In dem jetzigen Augenblicke blutiger Umwälzungen ist überhaupt mit Worten und Schreibfedern nichts auszurichten, und auch mein Bemühen bleibt nur ein labor improbus.
— — Der Tadel, welchen Thiers gegen die meisten (unpraktischen) staatswirthschaftlichen Bücher aussprach, ist leider gerecht; er ging aber doch in Verurtheilung aller Theorie gar zu weit, und ebensowenig konnte ich in der neueren englischen Korngesetzgebung den Untergang der englischen Grundbesitzer, und in ihrem früheren Monopole ein ewiges Anrecht erblicken. Einem anderen Herrn widersprach ich, der da weissagte: in den Vereinigten Staaten von Nordamerika werde man bald das Königthum einführen. — Eher in Frankreich! — Nach Österreichs Unglück (rief ein Anderer) werden die Italiener unabhängig werden; — ich fügte hinzu: aber nicht einig! Nach diesen Boutaden sagte ich mir selbst: sprich nicht zu viel, sondern höre mehr, das wird dir bringen Ruhm und Ehr. — Beim Weggehen fragte ich T—s: ob ich Lamartine’s Rede bewundern müsse. — Ich habe, antwortete er, nie eine seiner Reden bewundert. Guizot sagte von Lamartine: wenn er dichten will, macht er Politik, und wenn er politisiren will, phantasirt er. In einem Briefe Tissot’s an Guizot (der in der Revue rétrospective abgedruckt ist) heißt es: est ce qu’il peut être loisible à Mr. Lamartine d’aller faire de l’agitation politique et de la démagogie en plein vent, en présence de 2–5000 curieux plus ou moins avinés, et d’avancer les propositions les plus niaises et les plus subversives de la tranquillité publique, sans que le pouvoir puisse s’opposer aux effets de sa phraséologie redondante?
Es ist ein lehrreiches Verzeichniß der Leute erschienen, welche in Folge der Juniereignisse fortgeschafft wurden. Ich gebe einige Auszüge: hommes de lettres 7, avocats 2, étudiants en médecine 3, en droits 1, peintres 36, graveurs 30, sculpteurs 29, musiciens 11, gardes mobiles 38, soldats des armées regulières 4, orfèvres 54, imprimeurs 46, boulangers 35, tailleurs 77, cordonniers 107, menuisiers 182, serruriers 112, maçons 161, propriétaires et rentiers 7 etc. Man kann aus den Zahlen auf die sittliche Entartung, und noch mehr auf die äußere Noth schließen. Unter 3423 Verbannten waren gegen ⅓ Pariser, 11 Preußen, 8 Baiern, 4 Österreicher, 4 andere Deutsche, — welche Bastide gern auslieferte (und die Franzosen obenein) um sie los zu werden.
Die Revue rétrospective (deren ich erwähnte) enthält lehrreiche Sachen. Zuvörderst theile ich zwei Äußerungen aus Briefen von Louis Philipp mit: Ce qui gâte toutes nos affaires, c’est qu’en général nos hommes politiques ont une surabondance de courage et d’audace quand ils sont dans l’opposition, tandis que dans le ministère ils sont feigherzig et toujours prêts à tout lâcher. — L’état actuel de toutes les têtes humaines ne s’accommodera de rien et bouleversera tout. The world shall be unkinged, l’angleterre ruinée prendra pour son type le gouvernement modèle des Etats-Unis, et le continent prendra pour le sien l’Amérique espagnole! (6 Nov. 1840). — Weissagungen!!
Besonders anziehend sind die dort enthaltenen Nachrichten über die spanischen Heirathen, welche ich (im Widerspruch mit Vielen) von Anfang an als ungebührlich und für alle Mitwirkende als unheilbringend bezeichnete. Es ergiebt sich aus jenem Briefwechsel: 1) daß man französischerseits auf die Königin Isabella gar keine Rücksicht nahm und sie wie eine Null behandelte. 2) Daß ihre Mutter sich als arge Stiefmutter benahm. 3) Daß sie erst den Grafen von Trapani als Heirathsbewerber vorschob, und dann fallen ließ, indem sie die Schuld auf Frankreich zu schieben suchte. 4) Daß sie nun einen Koburg zu ködern suchte, ohne alle Theilnahme, ja gegen den Wunsch Englands. 5) Daß Louis Philipp anfangs gar nicht auf die Gleichzeitigkeit der Verheirathung beider Prinzessinnen eingehen, und die mit England getroffene Verabredung halten wollte. Guizot, und vor Allen Bresson, trieben aber vorwärts, und daß Palmerston Koburg, sehr natürlich nicht als Candidaten streichen wollte (da die Königin Christine und viele Spanier ihn nannten), gab den Vorwand. 6) Selbst Aberdeen vertheidigt Palmerston und sagt: Frankreich übe a doubtful policy, which may lead ultimately to very serious consequences. Palmerston äußert: dieser Gemahl werde das Land und die Königin nicht beglücken. 7) Bresson kannte die Gesinnungen Isabellens über den Bräutigam, welchen man ihr aufdringen wollte. Er schreibt: sie habe préventions d’une vivacité et d’une énergie qui semble ne faire qu’augmenter. Man müsse habituer la reine à sa voix et à ses hanches. Dennoch beharrte er bei dem Plane, ihr den geistig und leiblich unfähigen Mann aufzuzwingen, bei Nacht und Nebel, trotz Weinen und Wehklagen! — Louis Philipp und Guizot büßen in England, die Königin Isabella geht ungezügelt ihre eigene Bahn, und Bresson hat sich den Hals abgeschnitten! Discite justitiam moniti, et non temnere divos! —
Den 15. October.
O Gott! Wie ändern sich die Zeiten! Ich denke heute an den Geburtstag Friedrich’s II., wo der König erklärte — — — Und jetzt wird öffentlich in den Zeitungen verhandelt: ob man seinen eigenen Geburtstag feiern solle; es wird in vielen Kreisen beschlossen, es sei nicht an der Zeit; und wohlgesinnte Feiglinge unterwerfen sich dem Beschlusse, aus Furcht vor eintretenden Ungebührlichkeiten! — — — — Ja wohl hat Bastide Recht wenn er (ohne die Übel in Frankreich zu läugnen) sagte: „welch ein Gaschis habt ihr in Deutschland. Sonst so gemäßigt und verständig; wenn aber einmal aufgeregt, wie schwer zu beruhigen.“ — Das hat der Dreißigjährige Krieg gezeigt, und ähnlicher Wahnsinn wird schon lobgepriesen. Weit die große Mehrheit denkt, fühlt, spricht für Wahrheit und Recht, aber im Handeln läßt sie sich von einer kleinen, nichtsnutzigen Minderzahl überflügeln. Dort (mit den Mechanikern zu reden) große Massen und geringe Geschwindigkeit, hier geringe Massen aber große Geschwindigkeit. Die herausgeschossene Flintenkugel ist gefährlicher als die mit Händen fortgerollte Kanonenkugel. — Ich denke jetzt (auf mein hiesiges Leben zurückblickend) oft an das Wort: multa agendo, nil agimus; vielthuend, thun wir nichts.
Den 15. October.
A son Excellence