Den 12. Februar.
Wäre ich ein Schinken oder eine Wurst, so würde ich mich gestern Abend in der Rauchkammer des Casino sehr wohl befunden haben, aber als unschuldsvoller Mensch!! Doch hielt ich lange genug aus, um mancherlei schweigend anzuhören; denn fürs Reden wäre ich gewiß in noch größere Gefahren gerathen.
So vernahm ich also, daß das Triumphlied über die österreichische, freies Segeln herbeiführende Note, nicht ohne hineintönende Dissonanzen abgesungen werde. Es bildet sich ein neuer zahlreicher Klub, welcher verlangt, daß der Verfassungsentwurf so geändert und berichtigt werde, daß Österreich im deutschen Bunde bleiben könne. Insbesondere richtet sich der Angriff wider die bekannten Absätze 2 und 3 und die nur verstattete Personalunion. Gagern’s Vorschläge sich mit Österreich zu verständigen, wurden von Vielen angenommen, um härtere Beschlüsse zurückzuweisen; nun aber Österreich nicht darauf eingeht, so sind wir auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen. Obgleich die Mitglieder des Casino die eifrigsten Vertheidiger des Verfassungsentwurfes sind, sprach sich doch die Besorgniß aus, ob man die Mehrzahl für sich haben werde; woran sich der Wunsch anreihte, daß die preußische Versammlung später eröffnet werde. Allerdings führt die gleichzeitige Thätigkeit zweier constituirenden Versammlungen zu den größten Unbequemlichkeiten und Unannehmlichkeiten; allein der zunächst für die Vertagung hervorgehobene Grund (10 für Berlin erwählte Abgeordnete hier festzuhalten, um die Mehrzahl nicht zu verlieren) offenbarte nur zu deutlich die schwache Seite des ganzen Baues. Wie kann man sich einbilden, daß die allerwichtigsten Fragen (z. B. über das Kaiserthum, die Aufnahme und Ausschließung Österreichs u. s. w.) durch ein Dutzend Stimmen in der Paulskirche sich auf lange Zeiten hinaus entscheiden und alle Widersprüche beseitigen lassen. Ob man diesem, oder jenem Urlaub verweigert, Einige aus den Speisehäusern vom Frühstück zum Abstimmen herbeiholt — derlei Kleinigkeiten sollen eine feste Grundlage und Entscheidung herbeiführen, Österreich schrecken, Preußen zwingen, und allen Übrigen den Mund stopfen. Deutschland ist noch nicht einiger, als die hier sich nur zu oft und zu heftig widersprechenden Klubs, von denen keiner das opfern will, was man ein Princip nennt, während es meist nur eine bloße schwach begründete Meinung ist.
Ein solcher sich jetzo breit machender und breitgetretener Satz des angeblich höheren Kosmopolitismus ist: „daß kein Volk jemals ein anderes beherrschen dürfe.“ Jeder kennt die Mißbräuche ungerechter Herrschaft; allein jener Satz unbedingt in abstracto hingestellt, streicht die ganze Weltgeschichte aus, oder treibt Götzendienst mit dem Mittelmäßigen, Unfähigen, Untergeordneten. Geherrscht haben alle wahrhaft tüchtigen, welthistorischen Völker: Juden, Griechen, Römer, Araber, Deutsche, Franzosen, Spanier, Engländer. Sie haben die Herrschaft mit Recht verloren, sobald sie ihren hohen Beruf mißbrauchten, oder die dazu gehörige Kraft und Seelenstärke einbüßten. So war es vor dem Jahre 1848, und wird auch nachher so bleiben.
Sonderbar, daß man den kleinen, schwachen, ungebildeten Völkern eine völlige Unabhängigkeit vindicirt; sie aber keinem einzelnen Mitgliede eines Klubs verstattet, sondern Unterwerfung unter die bloße Mehrzahl verlangt. Regeln ohne Ausnahmen sind der Tod der lebendigen Mannigfaltigkeit, und finden sich wohl nur in der reinen Mathematik. In der physischen Astronomie herrscht die Sonne, und den Planeten ist nur verstattet sich untereinander ein Weniges zu turbiren.
Man hofft hier in vier Wochen zu Ende zu kommen; doch dürfte es nur le commencement de la fin sein.
Hundertzwölfter Brief.
Frankfurt a. M., den 13. Februar 1849.
Ich sage mir täglich: „Tadeln ist leichter, als besser machen!“ — um nicht in bloßes Verneinen und Widersprechen zu gerathen. In Wahrheit verlange ich aber nur daß Männer, die sich für Staatsweise und Volksärzte ausgeben, die eintretenden Thatsachen ernst prüfen und verständig berücksichtigen sollen. Erklärungen, wie die preußische und österreichische, Erscheinungen wie die in der baierschen und sächsischen Kammer, sind von zu großer Wichtigkeit, als daß man dagegen die Augen verschließen darf. — Spreche ich so, dann verlangt man von mir, daß ich eiligst eine Universalmedicin gegen alle Schwierigkeiten und Krankheiten aus der Tasche ziehe; in welche Quacksalberei zu verfallen, ich nicht thöricht genug bin. Nur so viel weiß ich: daß, wenn eine Krankheit eine ganz andere Wendung nimmt, wenn unvorhergesehene Krisen eintreten, ich nicht nach wie vor dieselbe Arznei eingebe. Und doch wollen Viele, hinsichtlich des Verfassungsentwurfes, jede Ermäßigung oder Abänderung zurückweisen.