Sonderbar, bis zu der Zeit, wo ich nach Paris ging, ließen sich die Preußen schafsgeduldig in der Paulskirche schmähen, und behaupteten (mir widersprechend): jede Vertheidigung erhöhe den Haß und verstärke den Feind. Erst bei Brentano’s unwürdigem Angriff auf den Prinzen von Preußen ging ihnen endlich die Geduld aus.
Jetzt finde ich hingegen die Preußen begeistert für kühnen Angriff, und selbst würdige Männer sprechen: wir müssen den preußischen Erbkaiser durchsetzen, und dafür sogar einen Krieg nicht scheuen. So, die neuesten Zeichen der gewonnenen deutschen Einheit; und den scharf gesonderten Parteien in der Paulskirche und den Klubs, stehen draußen gleichgesinnte Eiferer zur Seite. Stimme ich nach den Forderungen der meisten Preußen, so muß ich in vielen Punkten meine Überzeugung unterordnen und preisgeben; stimme ich wider sie, so gelte ich für dumm, schwach und abtrünnig. Könnt Ihr Euch wundern, wenn ich, hin und her geworfen zwischen dieser Scylla und Charybdis, zwischen Grundsätzen wahrer oder falscher Wissenschaft, und der Gewalt herandrängender Thatsachen, mich nicht bequem befinde; wenn ich unfähig bin, den Sturm zu beschwören und wiederum zu selbstständig mich willenlos in das Schlepptau nehmen zu lassen? An Reden (das heißt im kleineren Kreise) lasse ich es nicht fehlen, wenigstens um mein Herz zu erleichtern; auch ist es ganz richtig, daß ich, von aller Theilnahme und Mitwirkung ausgeschlossen, keineswegs sorgenfrei leben würde.
— — Werder’s „begeisterte“ Rede über die Eigenschaften, welche ein Mitglied der ersten Kammer haben solle, erinnert daran, daß eine Dame die andere schriftlich bat, ihr einen Hofmeister mit den und den vortrefflichen Eigenschaften auszuwählen. Diese antwortete: noch habe ich einen solchen nicht gefunden; sollte ich aber so glücklich sein, werde ich ihn — heirathen!
Den 14. Februar.
In Devrient’s pariser Theaterbüchlein finde ich eine Stelle über Lamartine, die ganz mit meinen Urtheilen und Erfahrungen übereinstimmt. Er schreibt von ihm: „Alles, was er sagte, war schief und widersprach sich; aber es klang, und er selbst schien Freude daran zu haben. — Seine Reden haben die Eigenheit, am Ende immer das Gegentheil von Dem zu sagen, was sie anfangs ausgesprochen haben.“
— Wislicenus schickt mir aus St. Louis seine Reise nach Nordmexiko. Sie geht den Arkansas aufwärts nach Santa Fé, dann den Rio del Norte abwärts bis el Paso del Norte, Chihuahua, Saltillo, Monterei, Matamoros und über Neu-Orleans nach Hause. Obgleich geschrieben in der einfachen Form eines Tagebuchs, giebt sie doch sehr anziehende Aufschlüsse über Pflanzen, Gestein, Bergeshöhen, Thäler und Flüsse, Menschen und Thiere. Sie erweiset unter Anderem 1) daß große Landstrecken zum Anbau ganz ungeeignet, andere hingegen sehr brauchbar sind; 2) daß reiche Gold- und Silberminen vorhanden sind, ohne die Leute zu bereichern; 3) daß in einigen Gegenden guter Wein gebaut wird; 4) daß die Mexikaner den Nordamerikanern gar nicht widerstehen können, und selbst ein Spott der Indianer sind; 5) daß die Indianer, welche sich beharrlich aller bürgerlichen Ordnung und milden Erziehung widersetzen, und nichts thun als stehlen und rauben, — ausgerottet werden, gleichwie die wilden Thiere, welche Gott auch geschaffen hat.
— — Ein heftiger Angriff auf das Veto des künftigen Reichsoberhauptes ward gestern mit großer Mehrheit zurückgewiesen, die Berathung über das Wahlgesetz aber der zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes vorangestellt. Zu den ausgesprochenen guten Gründen gesellt sich ein verschwiegener, als der wichtigste. Das Wahlgesetz schlägt nämlich vor: Dienstboten, Tagelöhnern, Handwerksgehülfen und Fabrikarbeitern das Wahlrecht zu versagen. Dagegen wird die Linke Sturm laufen; sie hofft eine solche Aufregung herbeizuführen und die für jene Bestimmung Auftretenden dergestalt verhaßt zu machen, daß nicht blos das Wahlrecht unbedingt allgemein ertheilt werde, sondern auch nächstdem die ihnen unbequemen Bestimmungen des Verfassungsentwurfes bei der neuen Berathung durchfallen. So gehen wir den lebhaftesten parlamentarischen Kämpfen entgegen, während man aller Orten neuen Aufruhr ankündigt. Auf letzteren ist man gefaßt, und entschlossen, mit den strengsten Mitteln dagegen einzuschreiten.
Den 15. Februar.
Gestern Abend war im Casino vorläufige Berathung über das Wahlgesetz. Man erklärte sich gegen das allgemeine Wahlrecht, und ebenso gegen die ausgesprochene Ausschließung ganzer Klassen von Personen. Jenes, weil die Besitzlosen sonst ganz allein entscheiden; dieses, weil es verletzt und in sich verschiedene Verhältnisse viel zu gleich behandelt. Deshalb will man, ohne die ausgeschlossenen Personen zu bezeichnen, gewisse Bedingungen der Zulassung aussprechen, z. B. fester Hausstand, Grundbesitz, Einnahme, Steuerzahlung. So kommt man auf Das hinaus, was jetzt als Census verrufen ist; doch waren die Anwesenden überzeugt, man dürfe in dieser höchst wichtigen Sache nicht um Beliebtheit beim niedrigen Volke buhlen (die wir ohnehin nicht besitzen, oder erlangen werden) und sich ebensowenig vor Widersprüchen und Anklagen fürchten, sondern Das befördern, was, nach bester Überzeugung, für unser Vaterland als das Heilsamste erscheint.
Zur allgemeinen Besprechung über das Wahlgesetz haben sich 43 Redner einschreiben lassen. Was werden da für Redensarten und Phrasen ausgespielt werden. Heute kam ein Antrag zur Abstimmung: man solle, abgesehen von allem über die Verfassung Beschlossenen, einen neuen Ausschuß erwählen und ganz von Neuem beginnen. Soviel man auch gegen das Beschlossene einzuwenden, und vielleicht bei der zweiten Lesung zu ändern haben mag, erschien doch eine solche Unfähigkeitserklärung zu stark, und sie fiel mit 110 gegen 298 Stimmen durch.