Hundertdreizehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 16. Februar 1849.
Wenn man einer Sorge ledig wird, tritt eine andere ein. In den ersten Monaten nach Eröffnung des frankfurter Reichstages war dieser allzukühn und nahm volle Allmacht in Anspruch. Der Bundestag ward zur Seite geworfen, ein Reichsverweser aus eigener Macht ernannt; von Fürsten und Regierungen nahm man keine Kenntniß, und diese schwiegen und verkrochen sich, aus Furcht vor den gewaltsamen, revolutionairen Ausbrüchen. Jetzt hingegen steigen deren Ansprüche mit jedem Tage und es ist offenbar genug, daß sie die frankfurter verfassunggebende Versammlung in eine blos berathende Behörde verwandeln und den alten Staatenbund mit wenigen Abänderungen herstellen möchten. Wenn Österreich sein Gewicht in diese Wagschale legt und Preußen schwankt, so könnte leicht das letzte Ziel erreicht, Frankfurt ohne Ergebniß aufgelöset und (wie es schon in Paris und London geschieht) als thöricht und lächerlich bezeichnet werden.
Ist man aber hiemit wirklich an einem löblichen, genügenden Ziele angelangt? Ich glaube keineswegs! Mag man den alten Bundestag übertrieben getadelt haben, und sein Übelthun, oder Nichtsthun, mehr durch die Personen, als durch die Form herbeigeführt sein, gewiß genügt ein solcher vielköpfiger Fürstentag dem inneren Bedürfnisse Deutschlands nicht, und noch weniger seinem gefährlichen Verhältnisse zum Auslande. Die beschlossenen Grundrechte bedürfen einzelner Verbesserungen, aber sie sind viel zu sehr aus wirklichen Bedürfnissen hervorgegangen, als daß man sie, im Widerspruche mit fast allgemeinen Wünschen und Überzeugungen, verwerfen dürfte. Ebensowenig kann jetzt eine deutsche Verfassung ohne Volkshaus und Volksvertretung Boden gewinnen.
Es ist möglich, daß wir an Mattigkeit, Uneinigkeit, oder durch Gewalt sterben; aber aus unseren Gebeinen würden Rächer erstehen, es dürfte sich ein neuer, größerer Sturm erheben, und zuerst die kleineren, dann die größeren Fürsten von der deutschen Erde hinwegfegen. Hierauf vielleicht eine wilde Republik, und dann der Sieg der Despotie, unter obligater, theuer bezahlter Mitwirkung fremder Mächte. Die kleineren Fürsten scheinen am ersten erkannt zu haben, um was es sich handelt und was auf dem Spiele steht; nicht so die neu geschaffenen Könige. Allerdings muß man Vieles begraben, was abgestorben ist, und woran Niemand mit größerer Zärtlichkeit hing, als ich; Wünsche aber beleben nicht, und jede Wiedergeburt erfordert eine andere und neue Gestaltung.
Mit welcher Theilnahme betrachtete ich in meinen Kinderjahren die homannsche Karte des schwäbischen Kreises. Die unerbittliche Hand einer revolutionairen Zeit hat dies Alles weggewischt und mit einer Farbe überstrichen, welche (jeder Mannigfaltigkeit entbehrend) an den Mangel aller Farbe in dunkler Nacht erinnert. Statt all der verschiedenen Eigenschaften, Organisationen, Qualitäten, nur gleichartige Quantitäten, Volksmenge und ein Divisionsexempel, welches man constitutionelle Repräsentation nennt!
So, wenn ich theilnehmend rückwärts blicke; der Historiker soll aber ein zweiköpfiger Janus sein und auch vorwärts sehen und forschen. Man liebt und ehrt seine Voreltern, aber jedes Geschlecht muß seine eigenen Kinder zeugen.
Alle europäischen Regierungen haben sich concentrirt und innerlich gestärkt; ihnen gegenüber ist ein zerstückeltes, vielköpfiges, vielerlei wollendes Deutschland immer im Nachtheile. Man muß sich unterordnen, um nicht unterzugehen!
Ich habe es mir mit dem Nachlesen vieler stenographischen Berichte pflichtmäßig sauer werden lassen und die hiesigen Berathungen mit den pariser Erfahrungen zusammengestellt. Kommen wir nicht in das gelobte Land, sollen wir doch Weg und Richtung andeuten; aber freilich kommt unendlich viel darauf an, wer den Weg betritt: ob 1640 der große Kurfürst, 1740 Friedrich II., 1840 Friedrich Wilhelm IV. Schon mehre Male hat Glück und Gelegenheit diesem ihre Stirn zugewandt; ich ehre seine Zweifel, aber wer nicht wagt, gewinnt nicht.
Gestern Abend wohnte ich im Casino wieder Berathungen über das Wahlgesetz bei. Man kann dafür leicht hundert Vorschläge machen; indem aber Jeder sein Lieblingskind in der Paulskirche zur Taufe präsentiren will, zersplittern sich Ansichten und Kräfte, Glaube und Vertrauen entweicht den Schwankenden, und die einstimmig auf ganz allgemeines Wahlrecht dringende Linke wird über die vielen zwiespaltigen Weisen obsiegen. Wären wir Alle einig, so würden wir wohl einen mäßigen Census (an Einnahmen und Steuern) durchsetzen und Diejenigen ausschließen, welche man als Proletarier bezeichnen muß. In ruhigen Zeiten fallen diese in die Gewalt reicher Grundbesitzer und Fabrikherren; in unruhigen Zeiten schlagen sie hingegen diese todt, oder werden doch auf anarchischem Wege ihre Herren.