Tadelt mich nicht, wenn ich gar viel rechts und links schaue: man hat einen steifen Hals noch nie für ein Glück gehalten, und Schauklappen will ich mir weder selbst vorbinden, noch vorbinden lassen. Freilich ist mein Einerseits und Andererseits sehr dürftig im Vergleiche zu der Mannigfaltigkeit der Ansichten und Wünsche, welche in zahlreichen Eingaben ausgesprochen werden. Zum Beispiele vom demokratischen Klub in Insterburg: die Nationalversammlung habe die Freiheit an die Camarilla geopfert, das Volk werde über sie zu Gericht sitzen und nur 89 Mitglieder der Linken anerkennen. — Aus Lemgo: die Reichsversammlung solle das Vergangene wieder gut machen, oder ihr Mandat niederlegen. — Aus Heinichen: die Rechte der Versammlung besitzt nicht das Vertrauen der Nation. — Aus Weilburg: man solle den Mord des Freiheitshelden Blum rächen. — Aus Künzelsau in Würtemberg: die deutschen Fürsten sollen im Römersaale würfeln. Wem Gott in seiner Allweisheit den höchsten Wurf verleiht, — der soll in Deutschland regieren. — Von Helmuth Riehn in Estebrüge: Fürst Metternich und seine Anhänger sind unter gewissen Bedingungen zu amnestiren und an die Spitze der Regierung des deutschen Reiches zu stellen, und auch den Jesuiten Theilnahme an allen Freiheiten einzuräumen! —

Den 17. Februar.

Ihr werdet es unfolgerecht von mir finden, daß ich erst auf die Klubs schelte, und jetzt fast jeden Abend auf mehre Stunden ins Casino gehe, oft spreche und selbst auffordere im Kampfe nicht dadurch zu unterliegen, daß Jeder auf seiner Meinung besteht und die Stimmen zersplittert. Wie aber die Dinge liegen, muß man unter zwei Übeln das kleinere wählen, und da ich in der Paulskirche nicht zu Worte kommen kann, will ich wenigstens im kleineren Kreise versuchen meine Pflicht zu thun und nicht als bloße Null zu erscheinen.

Auf die Prüfung des Wahlgesetzes wird hoffentlich die zweite Lesung des Verfassungsentwurfes folgen. Leider zögern aber viele Regierungen noch immer, bestimmte, inhaltsreiche Erklärungen abzugeben, und Partikularismus wie Centralisation wird in den Ständeversammlungen und der Paulskirche mit Leidenschaft verfochten. Was soll man anfangen mit Redensarten wie: es schwebe der österreichischen Regierung die Möglichkeit einer guten Verfassung vor; eine solche sei kein bloßer Traum, man könne sich ihr allmälig nähern u. s. w. Solche diplomatische Blasen (bubbles) täuschen Niemand und helfen zu gar nichts. Deutlich ist nur was Österreich nicht will; und wenn ich dies auch nicht tadele, so kommen wir doch nicht vorwärts, ehe es sagt, was es will. — Oder wir beschließen hier ohne Fingerzeig und Weisung; das führt dann nur zu Vorwänden das Mißfällige zu verwerfen, und nach Auflösung der hiesigen Versammlung zu dem Wahne: die alte Kabinets- und Bundespolitik könne sich wieder in dem alten Großvater- und Schlafstuhl niederlassen, ohne jemals gestört zu werden.

Wenn die berliner Versammlung verständig und gemäßigt ist, wenn Preußen dadurch erstarkt, wenn es mit Frankfurt einig bleibt, die bereits ergangenen, günstigen Erklärungen der kleineren Regierungen dankbar und freundlich annimmt, die größeren beruhigt, so steht Deutschland (wie auch Österreich sich stelle) eine große und schöne Zukunft bevor; — sonst geht und fällt Alles auseinander, wie die Kirchenversammlung von Basel 1448 vor 400 Jahren!

Nachmittags.

Viele wünschten, daß ich über das Wahlgesetz in der Paulskirche sprechen sollte, und so ist dies, weil mir Jemand seine Stelle abtrat, heute geschehen. Daß der Unparteiliche am wenigsten gefällt, ist natürlich; doch bin ich äußerlich gut davongekommen und Mehre haben mir ihren Beifall bezeigt. In den stenographischen Berichten werdet Ihr die Rede bald lesen. Es ist mir lieb, daß ich doch habe ein Lebenszeichen geben können! —

Raumer’s Rede vom 17. Februar 1849.

Meine Herren! Herr Vogt hat vor einiger Zeit gesagt, daß die Reichsgewalt historische Gesandte abgeschickt habe.