Ich habe vorhin gesagt, daß der Historiker das für und wider ebenmäßig zu betrachten die Pflicht hat; da es aber hier der Gebrauch ist, sich für oder wider einen Antrag einschreiben zu lassen, so habe ich das für gewählt, obgleich ich in keiner Weise mit allen gemachten Anträgen einverstanden bin. Zuvörderst bin ich der Meinung, daß der Vorschlag des Ausschusses, ganze Klassen auszuschließen, unbrauchbar ist. Ich erkläre mich gegen den Gedanken, durch Bezeichnung des Berufes Leute wegzuweisen oder einzulassen. Hiebei will ich aber noch etwas bemerken, was hier wenigstens mit weniger Nachdruck hervorgehoben worden ist. Man kann nämlich gegen das Zulassen der Bedienten, Tagelöhner und Fabrikarbeiter den Einwand oder die Besorgniß aussprechen, daß der Vorschlag der Zulassung nicht demokratisch genug sei, weil zwar in Zeiten der Unruhe, in denen wir uns leider noch befinden, diese Massen vielleicht über das rechte Maß hinausgehen und für die gewaltige Bewegung, in der man das Heil sucht, ihre Hand anlegen werden — aber in Zeiten der Ruhe da werden die Bedienten leicht abhängig von ihren Herren, die Tagelöhner leicht abhängig von größeren Grundeigenthümern, der Fabrikarbeiter aber vom Fabrikherrn, und dann bekämen wir eine Aristokratie, die schlechter sein würde, als Das, was wir vermeiden wollen. — Ich darf Sie, meine Herren, an ein Beispiel erinnern. Ich war zu der Zeit, als die Reformbill berathen wurde, in England, und viele ausgezeichnete Staatsmänner hegten die Meinung, man müsse den kleinen Pächtern das Stimmrecht zugestehen und nicht dazu ein Grundeigenthum verlangen, welches in England überhaupt nur in wenigen Händen ist. Es waren jene Staatsmänner der Überzeugung daß jeder kleine Pächter, welcher das Stimmrecht bekäme, unbedingt für die freisinnigen Whigs stimmen würde. Ich widersprach dem damals und behauptete, es sei das Entgegengesetzte zu besorgen. So kam es auch, denn nach der neuen Parlamentswahl hatte sich herausgestellt, daß vielen dieser mit dem Wahlrechte beglückten Personen die Pacht wäre gekündigt worden, wenn sie nicht eingewilligt, mit ihren Verpächtern zu stimmen. (Stimmen auf der Rechten: Hört!)

Es läßt sich von den allgemeinen Bemerkungen, welche zu machen Sie mir erlaubt haben, nicht füglich die Frage trennen: ob eine direkte oder indirekte Wahl vorzuziehen sei. Jede zeigt eigenthümliche Vorzüge, doch stimme ich für die erste. Man hat in Frankreich den Versuch gemacht, in Abstufungen wählen zu lassen, indem man dem niedriger Besteuerten ein geringeres, dem höher Besteuerten ein größeres Recht einräumte. Dieser Versuch ist vollkommen mißglückt und hat die größte Unzufriedenheit hervorgerufen; denn er beruhte nicht blos auf einer Abstufungsnachweisung der Steuern, welche praktisch schwer durchzuführen ist, sondern er theilt gar leicht auch jede Kammer, ich möchte sagen, in zwei feindliche Lager, sodaß alle Vermittelungsversuche, sie auszusöhnen, vergeblich sein dürften. Wenn in England der Herzog von Southerland, welcher wohl hunderttausend Pfund jährliche Renten bezieht, im Verhältniß, oder doch bedeutend mehr Stimmrecht haben sollte, als ein anderer wahlfähiger Bürger, so würde man sich dagegen gewiß auflehnen. Ich wünsche also keine Stufen, keine Wahlmänner, keine Doppelwahlen.

So kommen wir denn endlich auf den Census. Ich will hier der Merkwürdigkeit halber Jemand erwähnen, welcher in neuerer Zeit oft in einer ehrenvollen Weise angeführt worden ist, die er nicht verdient. Man schlug in Frankreich vor, daß die ärmeren Klassen von dem Steuerzahlen befreit werden sollten. Robespierre behauptete dagegen, es sei eine Ehre, Steuer zu zahlen, und wer sich dieser entschlagen wolle, der stehe nicht an der rechten Stelle. So betrachtet man diese Sache auch in Amerika. Dort sagt man: ich würde mich schämen, zu wählen, wenn ich nicht zum allgemeinen Besten meinen Steuerbeitrag entrichtet hätte. (Stimmen auf der Rechten: Sehr gut!) — Meine Herren! Wir stehen auf einer bedenklichen Stelle; ich will nicht weit abschweifen, aber es hängt Alles zusammen, und deshalb gebe ich Ihnen Folgendes zu bedenken: Wenn wir jetzt in der Zeit der Bewegung abstimmen und für die wichtigsten Vorschläge nur eine kleine Majorität zusammenbringen, wenn wir glauben mit zehn Stimmen Mehrheit einen Reichsrath, mit einer Majorität von zwanzig Stimmen ein Wahlgesetz und mit einer Stimmenmehrheit von vielleicht fünfundzwanzig einen Kaiser machen und der Weltgeschichte eine neue große Wendung geben zu können, so irren wir uns; diese Meinung, diese Hoffnung ist auf Sand gebaut. Wenn wir uns nicht vereinigen und mit einer imposanten Mehrheit einen Beschluß zu Stande bringen, so wird dies Zwiespalt erzeugen: Jeder wird glauben, das Vaterland zu retten, aber Keiner wird es retten. (Stimmen auf der Rechten: Sehr gut! sehr wahr!)

Ich möchte nochmals auf etwas zurückkommen, denn ich habe darüber Erfahrungen gemacht: experto crede Ruperto! Zurückkommen also möchte ich auf das Wort des Herrn Vogt über die Abschickung historischer Gesandten. Es hat dieses Wort noch eine andere Bedeutung, als die oben erwähnte; es hat eine tiefsinnige, furchtbare Bedeutung. Es weissagt: Ihr werdet nicht blos im Jahre 1848, sondern auch in Zukunft historische Gesandte abschicken. Was heißt das? Es heißt: diese Leute werden in zierlichem Style und auf dem feinsten Postpapiere berichten über die Art, wie andere Völker die Blätter der Weltgeschichte mit ihren Thaten erfüllen; von uns, von unseren Einwirkungen, Thaten und Entscheidungen, von unserem eigenen Volke wird aber nicht die Rede sein. Ich habe das bitter erfahren. Man hat mich mit der größten Höflichkeit und Achtung, ja mit ausgezeichnetem Vertrauen empfangen und behandelt, so weit es meine Person betraf. Aber konnte ich mich eitel hiemit trösten, wenn ich täglich sehen und hören mußte, wie man mein Vaterland, wie man die Reichsversammlung, die Centralgewalt betrachtete und gering achtete? (Stimmen: Hört! hört! — Bewegung). — Sie erlauben mir zum Schlusse nochmals einige Worte von Jefferson mitzutheilen. Er sagte zu einer Zeit, welche in gewissem Sinne der unseren ähnlich war: „Mögen Alle den heiligen Grundsatz im Herzen tragen, daß, weil der Wille der Mehrheit in allen Dingen entscheidet, dieser eben deshalb gerecht und vernünftig sein muß, und daß die Minderheit ihre gleichen Rechte besitzt, welche man durch gleiche Gesetze beschützen soll, und welche zu verletzen Unterdrückung sein würde. Laßt uns deshalb, ihr Mitbürger, uns vereinen zu einem Herzen und einem Sinne. Laßt uns im geselligen Umgange die Harmonie und Liebe herstellen, ohne welche die Freiheit, ja das Leben selbst nur traurige Dinge sind. Laßt uns bedenken, daß wir aus unserem Lande die religiöse Unduldsamkeit verbannt haben, durch welche die Menschen so lange litten und bluteten, daß wir aber nur wenig würden gewonnen haben, wenn wir eine politische Unduldsamkeit beförderten, welche ebenso gottlos und zu gleich bitteren und blutigen Verfolgungen fähig ist.“ (Im Centrum und auf der Rechten lebhafter Beifall.)

Hundertvierzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 18. Februar 1849.

Hiebei erhaltet Ihr einige Exemplare meiner Rede über das Wahlgesetz zu beliebiger Vertheilung. Bei Beurtheilung dieser, mangelhaft und lückenhaft erscheinenden Rede, bitte ich zu beherzigen:

1) Daß mir erst eine halbe Stunde vor dem wirklichen Halten, unerwartet eine Redestelle abgetreten wurde.

2) Daß andere Redner bereits die Hauptpunkte umständlich und genügend beleuchtet hatten. Ich konnte also nicht dasselbe noch einmal sagen, sondern nur (von meinem Standpunkte aus) einige geschichtliche Bemerkungen beibringen.

Ihr tadeltet mich wohl, ich sei „stumm wie ein Fisch“; jetzt werdet Ihr mir bald zurufen: „sprich nicht zu viel, sondern höre mehr.“ — Ich habe nämlich nicht blos gestern Vormittag in der Paulskirche, sondern auch gestern Abend im Weidenbusche vor einer sehr zahlreichen Versammlung gesprochen, welche rathschlagte: wie man sich bei der neuen Stellung der Parteien und der zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes benehmen, woran man festhalten müsse, und worin man nachgeben könne.