2) Es ist ganz verkehrt schließlich ein Wahlgesetz anzunehmen, bevor man in der Verfassung festgestellt hat, ob und welche Kammern stattfinden und welche Abgeordneten gewählt werden sollen.

In der Berathung wurden denn alle hochtönenden, demagogischen Phrasen nochmals zum Besten gegeben; und nebenbei kam deutlicher ans Tageslicht, was freilich dem schärfer Blickenden längst kein Geheimniß war. Die Linke weiß, daß sie ein rein demokratisches Wahlgesetz nur mit Hülfe der Österreicher durchsetzen kann, und diese hiebei (um andere Zwecke zu erreichen) gegen ihre Überzeugung stimmen müssen. Die Sache hat also große Eile und muß zu Stande gebracht werden, bevor jener künstliche Bund auseinanderfällt. Gebt nach (sagt die Linke), bewilligt uns das Wahlgesetz, und dann werden wir wissen, — was wir hinsichtlich der Einheit, Dreiheit, Fünfheit oder Siebenheit zu thun haben und für welche nachgiebigere Partei wir uns aussprechen wollen!

Vortrefflich antwortete Riesser und erwies: daß man Abstimmungen über große Gegenstände nicht um Nebenzwecke willen, so oder anders einrichten oder gleichsam verhandeln und verkaufen dürfe. Immerdar fordert die Linke Zugeständnisse bestimmter Art, und bietet dafür (scheinbar gutmüthig) allerlei glänzende Hoffnungen. Nicht wenige Österreicher schien die Besorgniß zu ergreifen, sie würden zuletzt getäuscht werden, und Etliche stimmten gestern mit uns; was einen gewaltigen Aufruhr unter der Linken erregte und Einzelne dahin brachte ihnen laut Freundschaft und Hülfe aufzukündigen.

Nochmals ward mit Stimmenmehrheit (260 gegen 182) beschlossen: die Berathung über die Verfassung der über das Wahlgesetz vorangehen zu lassen. Gleichzeitig mindert sich die Zahl der Vertheidiger von sieben verwunschenen Prinzen, die (mit Köpfen oder Beinen) zu einem Kaiser zusammenwachsen sollen. Auch hat Das, was die erste berliner Kammer in ihre Adresse über Deutschland aufgenommen, hier großen Beifall gefunden, und Hoffnung und Muth erhöht. Wenn zu den entschlossenen Gliedern des Weidenbusches, nur noch Einige hinzutreten, so gewinnen sie die Mehrheit über die minder gleich gesinnten Gegner; und es hängt von den berliner Kammern und dem Könige ab, ob Preußen in kühner Weise an die Spitze treten will — oder ins Schlepptau genommen wird! — Wer nicht wagt, gewinnt nicht, und auf einen Hieb fällt kein Baum!

Gestern las ich in dem Briefe eines Abgeordneten der ersten berliner Kammer, fast buchstäblich dasselbe über die —, was ich unzählige Male behauptet und ausgesprochen habe. Sie hat durch Unwissende und Böswillige viel gelitten; ihr wird aber auch ein seltenes, und noch seltener so wohlverdientes Glück zu Theil. Daß nämlich kein wahrhaft tüchtiger Mensch ihr nahe kommen kann, ohne die Güte ihres Herzens, die Überlegenheit ihres Geistes und den Adel ihres Charakters anzuerkennen und zu bewundern. — Das ist denn doch auch ein Balsam auf schmerzliche Wunden!

Hundertdreiundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 11. März 1849.

Nach kläglichem Sinken sind (wie ich schon gestern schrieb) unsere Aktien in den letzten drei Tagen über alle Erwartung gestiegen, und die Aussichten bleiben noch immer günstig. So traf ich gestern beim Präsidenten Simson einen, neu angekommenen österreichischen Abgeordneten, welcher die Sendung von Heckscher, Hermann und Schuselka nach Olmütz ganz thöricht fand, und über die Verbindung vieler seiner Landsleute mit der Linken empört war. Dieser grundlose und grundsatzlose Bund löset sich täglich mehr auf, und jede Partei sieht abgekühlt ein, daß die andere sie nur als Mittel für ihre Zwecke benutzen will. Die Österreicher spüren: es sei nur darauf abgesehen, mit ihrer Hülfe ein Wahlgesetz durchzutreiben, das in ihrer Heimat am wenigsten anwendbar und nützlich sein würde; auch sagt ihnen die Linke gerade heraus: nachdem dieser Zweck erreicht worden, wolle sie sich für, oder gegen Österreich erklären, je nachdem es ihr bequemer erscheine. Nach vielem Reden für die Einheit, liebäugelte die Linke (aus Haß gegen, und Furcht vor Preußen) mit der Vielheit, und den österreichischen, unklaren Vorschlägen. Jetzt scheint ihr Preußen doch annehmlicher, als Österreich im Bunde mit Rußland. Wenigstens möchten Manche sich der über 200 Mann starken entschlossenen Gesellschaft des Weidenbusches lieber nähern, als sich dem schwarzgelben Österreich, oder dem blauweißen Baiern hingeben.

Ich wiederhole, daß es sehr irrig ist zu wähnen, mit der diesjährigen Vereitelung frankfurter Bestrebungen wären gewisse Grundgedanken von Einheit und Freiheit in Deutschland ausgetilgt. Ohne Annahme und Durchführung des Wesentlichen in den Grundrechten, und ohne ein, das Ganze darstellendes und zusammenhaltendes Volkshaus kann man in Deutschland nicht mehr auf die Dauer regieren: weder Einer, noch Drei, noch Fünf, noch Sieben, noch 34!

Da man, so viel als irgend möglich (conservativerseits) die Bemerkungen der einzelnen Regierungen berücksichtigen will; so kommen wir auch in dieser Richtung einer friedlichen Lösung immer näher. — Mit Recht sieht man ferner täglich mehr ein: das Zerspalten in viele Klubs, nach gewissen kleineren Verschiedenheiten der Ansichten, sei (wie ich stets behauptete) unrathsam, ja schädlich; es komme vielmehr darauf an, wenige große Grundsätze aufzustellen, dafür eine überlegene Zahl zu gewinnen, und dann wie eine Phalanx für das als recht Anerkannte einzustehen: — uneingeschüchtert durch Drohungen, unverlockt durch Schmeicheleien!