Hundertvierundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 12. März 1849.
Unsere Berathungen werden täglich wichtiger und anziehender. Die neue österreichische Verfassung stimmt in der That mit der ersten Erklärung der österreichischen Regierung, welche den Eintritt in einen deutschen Bundesstaat ablehnte, und woran sich der Auftrag an das Reichsministerium reihte, Verhandlungen über einen weiteren Bund oder eine zweite Einigung mit Österreich anzuknüpfen. Die neueste Erklärung: es gebe künftig nur ein österreichisches Reichsbürgerrecht und einen staatsrechtlich vereinigten österreichischen Staat, muß die Folge haben: entweder daß wir uns hier mit einem Bundestage begnügen, der noch loser und bedeutungsloser ist als der alte; oder daß wir die Form des Bundesstaates für Alle feststellen, welche in ihn eintreten wollen, und die Verhandlungen über eine Einigung mit Österreich besonders fortführen. Allmälig wird der Bundesstaat (wie der Zollverein) sich erweitern.
In dem Maße wie Österreich sich absondert, tritt Preußen in den Vordergrund. Es wäre unverantwortlich, wenn der berliner Reichstag, um untergeordneter Zänkereien willen, die unendlich wichtigere Frage über die Einigung und Beherrschung Deutschlands aus den Augen verlöre, und uns nicht kräftigst unterstützte. Es wäre bejammernswerth, wenn der König aus einer ursprünglich sehr edeln, aber falsch verstandenen Ritterlichkeit, vor dem entscheidenden Schritte zurückbebte, und statt als ordnender Steuermann an die Spitze zu treten, Deutschland einem unausbleiblichen Sturme und der Gefahr des Unterganges preisgäbe.
In dem Maße, wie in den Reihen unserer Gegner Fragen, Zweifel und Uneinigkeit hervorbrechen, wird die Gesellschaft des Weidenbusches einiger und muthiger. Sie will fest auf ihrem Wege beharren, und wenn sie den Sieg 1849 nicht davonträgt, ihn für folgende Jahre anbahnen, und Zeugniß für künftig besser erkannte Wahrheiten ablegen.
In der Sitzung, welche gestern Abend im Weidenbusche stattfand, ward mancherlei besonnen und verständig darüber verhandelt: in welcher Folge und Ordnung die zweite Berathung über die Verfassung in der Paulskirche stattfinden möge. Es wäre zu weitläufig, Gründe und Gegengründe aufzuzählen; deshalb bemerke ich nur: daß man sich allgemein gegen die jetzt doppelt schädliche Neigung aussprach, durch kleinliche, umständlich und eigensinnig vertheidigte Besserungsvorschläge, Zeit zu verlieren und Abstimmungen zu zersplittern. So nähern sich die getrennten Klubs und verwachsen zu einer großen, mächtigen Partei. Nach manchen Reden Anderer, sagte ich gestern nur einige nachdrückliche Worte über die Stellung Deutschlands und Frankfurts zum Auslande, und was nothwendig sei, um die (jetzt fehlende) Achtung zu gewinnen.
Morgen wird die (wahrscheinlich ziemlich friedliche) Berathung über das Reichsgericht wohl beendet werden; dann folgt der große Kampf über das Reich und die Reichsgewalt. Ob heute die Frage: über Vereinbarung und letzte Entscheidung, als ein Schwärmer in den Gang der Tagesordnung, von der Linken wird hineingeworfen werden, weiß man noch nicht mit Bestimmtheit. Unsererseits will man das Reichsministerium fragen: ob und was Österreich auf die ihm amtlich schon vor langer Zeit gemachten Vorschläge geantwortet habe. Nämlich: nichts, oder so viel als nichts; dann ist aber die gegebene Verfassung als eine deutliche und verneinende Antwort zu betrachten.
Mittags nach der Sitzung.
Wir waren heute auf Plänkeleien, ja auf ein Gefecht gefaßt; statt dessen geschieht das Unerwartetste: ein Hauptanführer der Gegner, noch vor wenigen Tagen ein Saulus, geht als ein Paulus bekehrt in unser Lager über!!