Ich schrieb Euch von der Verbindung fremdartiger, heterogener Parteien in der Maienlust, welche zur Folge hatte, daß wir in die Minderzahl hinabgeworfen wurden, und wenig Aussicht hatten bald die Mehrzahl wieder zu gewinnen. Insbesondere war Welcker ein Hauptgegner der Einheit, der preußischen Oberleitung, ein Anbeter des dreiköpfigen Cerberus, oder dreileibigen Geryon, der sieben verwunschenen Prinzen u. s. w. —; ein Vertheidiger des Zögerns, Abwartens, des österreichischen Benehmens u. s. w.
Heute dagegen erklärt er: die letzte Frist sei abgelaufen und Deutschland nur zu retten, wenn man die ganze Verfassung eiligst annehme, und den König von Preußen als Erbkaiser an die Spitze stelle!
Eine unbeschreibliche Aufregung ergriff die ganze Versammlung, und wenn Welcker nicht selbst den Druck und die reifliche Überlegung seiner Anträge gefordert hätte, — in diesem Augenblicke wäre der König durch Mehrheit der Stimmen zum Kaiser erklärt worden. — Da Niemand der Berathung über das Reichsgericht die geringste Aufmerksamkeit schenkte, mußte die Sitzung aufgehoben werden.
Gewiß folgen nicht Alle Welcker’s Beispiele, und insbesondere dürften Baiern und Ultramontanen auf ihrem Widerspruche verharren; ohne Zweifel ist aber die Coalition aufgelöset, die Hemmungen stürzen zu Boden und die Mehrheit bleibt (wenn nicht Alles trügt) der Gesellschaft des Weidenbusches, — welche sich heute zu neuen Beschlüssen über die ferneren Maßregeln versammelt.
Wir werden gewiß unsere Schuldigkeit thun; wehe Dem, der da verzagt und Deutschland verräth! Es ist die heilige Pflicht des Königs, des Thronfolgers, der gesammten königlichen Familie, der berliner Kammern und aller Preußen, sich der großen Aufgabe gewachsen, des entscheidenden Augenblickes würdig zu zeigen!
Hundertfünfundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 13. März 1849.
Gestern Abend wurden, in Folge des merkwürdigen Welckerschen Antrages, lange Berathungen im Weidenbusche gehalten und zunächst beschlossen: man wolle heute die Verhandlungen über das Reichsgericht aussetzen. Denn, sobald man, nach jenem Antrage, die vom Ausschusse mit Rücksicht auf die Bemerkungen der Regierungen, berichtigte Verfassung im Ganzen (en bloc), ohne neue Erörterungen annehme; so könne dies auch füglich mit dem minder wichtigen Theile über das Reichsgericht geschehen. Ob dieser Antrag durchgehen wird, ist noch nicht mit Gewißheit vorauszusehen. Ich habe mich bestimmt dagegen erklärt.
Viel entscheidender ist die Verhandlung über Welcker’s Antrag selbst, welche (nach erfolgter Berichterstattung des Ausschusses) Donnerstag, oder Freitag beginnen wird. Im Weidenbusche wünschte die Mehrheit, nach Entzweiung der Gegners, das letzte Ziel im raschen Sturme zu erobern; indessen blieb es doch unmöglich sich jetzt schon für Annahme des neuen Verfassungsentwurfes zu erklären, da er uns erst heute vorgelegt werden soll. Auch ergab sich, daß beim Heraustreten aus der Vertheidigung in den Angriff, nicht alle Mitglieder ganz eines Sinnes waren. Gewiß werden die Gegner neue Plane entwerfen, und wenn unsere Ansichten sich noch einmal zersplittern, könnten wir leicht noch einmal in die Minderzahl gerathen. Leider haben Viele, in gutem Glauben, oder aus Eigensinn und Eitelkeit, unzählige Verbesserungsvorschläge im Leibe, und halten ihre Leibes- und Geistesbeschwerden für Zeugnisse bevorstehender, außerordentlich glücklicher Geburten. Die Abneigung gegen alles Zögern und Schwadroniren, die Nothwendigkeit rascher und großer Beschlüsse, steigt indessen dergestalt mit jedem Tage, daß wir schneller zu irgend einem Ziele kommen werden, als sich vor acht Tagen voraussehen ließ.