3) Das Wahlgesetz ist in seiner jetzigen Fassung allerdings sehr mangelhaft; in diesem Augenblicke bleibt es aber unmöglich die Mehrheit in der Paulskirche für Ausschließung ganzer Klassen, oder einen hohen Census zu gewinnen; — wohl aber muß man Alles daran setzen die Öffentlichkeit der Wahlen durchzubringen. Die ganz aristokratischen Wahlen in Polen waren nicht besser, als viele demokratische Wahlen u. s. w.
Nachdem ich mich für Erlangung einer großen Majorität (die uns nöthig ist) ausgesprochen, erzählte ein Mitglied, mit nur zu großer Bestimmtheit, was der König denke und fühle, thun oder nicht thun, annehmen oder zurückweisen werde u. s. w. Er warf neue Zweifel und Steine des Anstoßes in unsere, ohnehin schon mit übergroßen Hindernissen angefüllte Bahn. Die Folgen solcher Quasijeremiade fürchtend, nahm ich nochmals das Wort und sagte: Meine Herren! Wir selbst wissen noch nicht was wir annehmen, verwerfen, beschließen, durchsetzen werden, welche Mittel anzuwenden, welche Wege einzuschlagen sind; und wir sollen uns aufreden, oder aufreden lassen, der König habe sich schon jetzt, von vorn herein eigensinnig über Fragen entschieden, die ihm von der Reichsversammlung noch nicht einmal vorgelegt sind. So wenig eine Jungfrau erklärt, sie wolle Jemand heirathen oder nicht heirathen, der noch gar nicht um sie geworben hat; ebensowenig kann und wird der König sich schon in diesem Augenblicke scharf bejahend, oder verneinend aussprechen. Er wird nach Maßgabe der eintretenden Ereignisse in seiner Weisheit wissen und beschließen, was er sich, seinem Hause, Preußen, Deutschland, Europa und der Weltgeschichte schuldig ist. Uns liegt ob (ungestört durch heitere, oder finstere Vorspiegelungen) gleicherweise nach Pflicht und Gewissen vorzugehen, und nach langem Reden auch zu handeln.
In diesem Augenblicke erhielten wir die mündliche Kunde: der Ausschuß erkläre sich für die Annahme der Welckerschen Anträge; vorausgesetzt daß man das Wahlgesetz in die Verfassung begreife, aber die Öffentlichkeit der Wahlen annehme. Nur auf diesem Wege könne man (vielleicht) die Mehrheit der Stimmen gewinnen; ohne Zugeständnisse beim Wahlgesetze (nur die Heimlichkeit der Wahlen beseitigend) würden wir bei den Fragen über Welcker, Veto, Einigkeit, Erblichkeit u. s. w. in der Minorität bleiben. Von weiteren Beschlüssen (nach Eingang des Ausschußberichtes) nächstens mehr.
Alle Berathungen, Betrachtungen, Gründe erhielten eine neue Wendung durch die uns jetzt unerwartet vorgelegte, neueste Note der österreichischen Regierung und die Nachrichten, welche die nach Olmütz gegangenen Abgeordneten zurückgebracht haben. Österreich will kein Volkshaus (das einzig tüchtige Verbindungsmittel für Deutschland); 38 Stimmen und das Erbkaiserthum für sich, während Deutschland nur 32 Stimmen erhalten soll u. s. w. u. s. w. Ihr werdet alle diese unpolitischen Phantasmata in den Zeitungen lesen. Sie trennen die Österreicher ganz von der Linken, und treiben zu eiligen Beschlüssen, bevor man uns jenes Joch durch diplomatische Ängste und Kniffe, oder mit Gewalt über den Nacken wirft. Wenn die preußische Regierung irgend auf diese Fratzen eingeht, hat sie sich im übrigen Deutschland das Todesurtheil gesprochen. Auf entgegengesetztem Wege steigen täglich, ja stündlich die Siegeshoffnungen. Gott gebe daß keine unvorhergesehenen übel eintreten!
Hundertsechsundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 15. März 1849.
Ihr Brief vom 11. d. M. hat mir große Freude gemacht; zunächst weil ich daraus sehe, daß Sie meine zahlreichen Mittheilungen freundlich aufnehmen. Nur einer von Ihnen ausgesprochenen Besorgniß kann ich nicht beitreten: die österreichische Verfassung und die österreichischen Noten haben hier Niemand verblendet; sie haben vielmehr auch den Geblendetsten den richtigen Blick wiedergegeben, und die Sache Preußens wesentlich gefördert und erleichtert. Alle kleineren Staaten wollen folgen, andere werden müssen; die Neubaiern stimmen bereits mit uns, und selbst die Altbaiern fangen an einzusehen, daß eine Zolllinie, gezogen zwischen Nord- und Süddeutschland, sie ganz zu Grunde richten würde.
Mittags.
Der gestrige Tag verging in angestrengten Vorbereitungen und Berathungen zu den bevorstehenden Kämpfen, und Viele haben wohl (gleich wie ich) Nachts vor tiefer Aufregung nicht schlafen können. Wir hatten Vormittag, Nachmittag und Abend Sitzungen im Weidenbusche. Es ward mit Mäßigung und Verstand über alle in Betracht kommenden Punkte gesprochen, und auch ich habe zwei Mal das Wort genommen; was ich erzähle, um nur zu beweisen, daß ich bestrebt bin, meine Pflicht zu erfüllen. Das erste Mal gegen einen Antrag, heute wiederum Abänderung der Tagesordnung zu verlangen; er ward abgelehnt, um sich keine zweite Niederlage (wie vorgestern) zuzuziehen.