Der Baumeister der neuen Turmteile war Heinrich Kugler von Nördlingen. Dort hatte er 1480 das Amt eines Kirchenbaumeisters bei St. Georg übernommen und in der Zeit bis 1494, wo er wegen Krankheit seine Stelle niederlegen mußte, in der Hauptsache den oberen Teil des mächtigen Turmes und die Pfeiler im Chore gebaut; die kriegerischen Verwicklungen der Reichsstadt mit Herzog Georg von Niederbayern-Landshut und insbesondere die Beurlaubung nach Nürnberg zum Ausbau der Türme von St. Sebald[56] hinderten ihn, am Bau von St. Georg in dieser Zeit mehr auszuführen. Übrigens käme für einen kunstkritischen Vergleich doch eigentlich nur der obere Teil des Nördlinger Turmes in Betracht; allein aus dem kleinen von Kugler ausgeführten Stück, dem achteckigen Teil über der zweiten Galerie, lassen sich keine Schlüsse auf die Türme von St. Sebald ziehen, um so weniger, als Kugler dort genau wie bei St. Sebald durch die Höhe der vorhandenen Türme für den Weiterbau bereits gebunden war und außerdem die im Gutachten des früheren Baumeisters Ensinger gegebenen Direktiven einzuhalten hatte.[57]
Endlich ist für den Bau der Türme noch ein Aufriß in sauberer Federzeichnung von Interesse, der sich im Archiv der Oberen Pfarrkirche zu Ingolstadt befindet. Er stellt im Maßstab 1 : 20 den oberen Teil eines Turmes dar, der im wesentlichen mit den Glockenstuben von St. Sebald übereinstimmt und mit Wahrscheinlichkeit als ein Werkriß des Meisters Heinrich Kugler betrachtet werden darf. Die großen Schallfenster mit ihrer Verblendung stimmen fast genau mit den ausgeführten Fenstern überein, nur die Strebepfeiler an den Ecken sind weiter geführt und endigen etwa in der Mitte des sechsten Stockwerks mit Fialen und Kreuzblumen. Das siebente Stockwerk jedoch ist vollständig anders geplant. Nur wenig schmäler als das sechste steht es mit diesem durch ein kräftig profiliertes Gesims in Verbindung und hat erst zu oberst eine Kranzgalerie, so daß der Turmhelm ohne jede Vermittlung auf der Plattform aufsitzt, aber ebenfalls einen schmalen Gang freilassend. Das durchbrochene Motiv der Galerie sowie der Bogenfries unterhalb derselben, ferner Form, Größe und Anordnung der Fenster der Türmerwohnung sind die gleichen wie am ausgeführten Bau. Wie dieser Aufriß in das Archiv der Oberen Pfarrkirche (oder Frauenkirche) zu Ingolstadt gelangt ist, muß vorerst noch unaufgeklärt bleiben. Da er sich zwischen den Bauplänen des Ulrich Heydenreich, Baumeisters zu Unser Schönen Lieben Frauen in Ingolstadt, erhalten hat, kann man vermuten, daß Heydenreich, als er gegen Ende des Jahrhunderts die schwäbischen Städte besuchte und ihre Kirchen und insbesondere Türme aufnahm, jenen Riß von seinem Kollegen Heinrich Kugler geschenkt bekommen und mit nach Ingolstadt gebracht habe.
Uns aber kann ein Vergleich des Aufrisses mit dem vollendeten Bauwerk lehren, welche Umänderungen die ursprünglichen Bauabsichten noch während der Ausführung erfahren haben, ein Einblick in die Tätigkeit des Architekten, wie er uns, soweit es sich um die Zeiten des Mittelalters handelt, nur selten möglich ist.
Tafel X.
Innenansicht vom Ostchor gegen das nördliche Seitenschiff.
Fußnoten:
[IV] Siehe Beilage 18.
[V] Dr. Hoffmann glaubte aus dem Wortlaute der Quellen und dem Befunde am Mauerwerk der Türme den Umfang der an den Türmen im Jahre 1345 vorgenommenen Bauarbeiten genauer bestimmen zu können und insbesondere schon für jene Zeit eine erstmalige Erhöhung des nördlichen Turmes um zwei Stockwerke annehmen zu müssen. Die Überarbeiter seines Manuskriptes vermochten den zur Stütze dieser Ansicht beigebrachten Gründen eine genügende Beweiskraft nicht zuzuerkennen.