Hervorzuheben ist, daß die Restaurierung der Statuen durch Abnahme der starken Tünchkruste mit dem Gewinn bunter Fassung und feiner Modellierung belohnt wurde, und daß bei vielen Werken Feststellungen bezüglich der Enstehungszeit und Autorschaft gemacht werden konnten. Die Ergänzungen der Bildhauerarbeiten, die Wiederherstellung der Faßmalereien und die Renovierung der Wand- und Tafelgemälde wurden vorgebildeten Kräften anvertraut. Nur zwei Gruppen von Inventarstücken mußten aus finanziellen Gründen vorerst zurückgestellt werden, die Wandteppiche und die Glasgemälde.

Den Bestand des Inventars hatte Heideloff wesentlich geschmälert. Die Mittelschiffemporen, die Kanzel und der Hauptaltar, aus der Barockzeit stammend, mußten seinen auf Stilreinheit gerichteten Wiederherstellungsabsichten weichen. Kanzel und Altar wurden durch Neuschöpfungen im Stile der Spätgotik ersetzt. Mit der Entfernung des neuen Altars erklärte sich der Bauauschuß einverstanden; man begnügte sich damit, anstatt des Altaraufsatzes einen der wertvollen Gobelins hinter der Mensa anzubringen und darüber die Kreuzigungsgruppe von Veit Stoß aufzustellen. Die reich geschnitzte Kanzel wurde belassen. Das Fehlen der langen Mittelschiffemporen wird man nicht zu beklagen brauchen. Denn nach Kupferstichen zu schließen, hatten sie keine künstlerischen Vorzüge aufzuweisen und standen der von ihnen verdeckten kunstgeschichtlich interessanten Triforiengalerie jedenfalls bedeutend nach.

Das Restaurierungswerk im ganzen betrachtet muß eine hervorragende, in Anbetracht der Qualität eine vorbildliche Tat genannt werden. Mit weiser, freiwillig auferlegter Zurückhaltung, dem vornehmsten Gebot der Denkmalpflege, hat die Bauleitung bei Lösung der gestellten Aufgaben verfahren. Die hier in der Praxis verwirklichten Anschauungen wird selbst der eifrigste Gegner, wenn er im konkreten Fall Restaurierungsbedürftigkeit und vollendete Ausführung gegenüberstellt, als richtig anerkennen müssen.

Die Anhänger der absoluten Stilreinheit sind zwar bis auf einige Unheilbare, die erfreulicherweise auf die heutige Entwicklung der Restaurierungsmethode ohne Einfluß sind, ausgestorben. Aber schon machen sich ernsthafte Bestrebungen geltend, welche unter Hinweis auf das Verhalten früherer Jahrhunderte gegenüber restaurierungsbedürftigen Denkmälern einer Ergänzung im Stilcharakter der Gegenwart auch bei der Außenarchitektur unter allen Umständen das Wort reden. Es erscheint unverständlich, wie hier das Vorgehen früherer Epochen als mustergültiges Beispiel empfohlen werden kann. So sehr auch den Alten gedankt werden muß, daß sie bei dem geringen Verständnis für vorausgegangene Stilperioden keine Lust verspürten, gegebenen Falls in der ihnen fremd gewordenen Formensprache Ergänzungen vorzunehmen — solche Fälle finden sich zwar auch in der Kunstgeschichte, jedoch nur vereinzelt —, so wenig wird begriffen, warum nun mit einem Male all die vielen Erfahrungen und gründlichen Kenntnisse, die man sich im Laufe des vorigen Jahrhunderts auf dem weiten Gebiete des Restaurierungswesens durch gründliches Studium der eigenartigen mittelalterlichen Konstruktionsmethoden besonders in der Steinmetztechnik verschafft hat, beiseite zu legen sind. Man sollte sich vielmehr darüber freuen, daß solche Erfolge erzielt wurden, und durch Gründung von Schulen für Fortpflanzung, Vermehrung und weitere Verbreitung der erworbenen Fähigkeiten Sorge tragen. Angenommen, unsere Zeit wäre in der zweifellos glücklichen Lage, über eigene Ausdrucksformen in der Kunst zu verfügen, welche auf gleicher Höhe mit den historisch gewordenen früheren Stilarten stünden: was wäre mit der Anwendung dieses Stiles z. B. bei der Restaurierung des Ostchores erreicht worden? Es hätte zunächst auf die mancherlei aufgefundenen Überreste, welche eine Restauration der alten Mauerkrone leicht ermöglichten, verzichtet und, um den ästhetisch unbedingt notwendigen Abschluß herzustellen, eine Bekrönung oder ein Dachgesims geschaffen werden müssen, welche keineswegs in den günstigen organischen Zusammenhang mit der Architektur des vorhandenen Mauerwerkes zu bringen gewesen wäre wie die rekonstruierte Galerie. Anders freilich würde die Sache liegen, wenn es sich um die Neuschöpfung eines selbständigen Bauteiles, etwa einer Sakristei, oder um Anschaffung eines neuen Inventarstückes, eines Altares, gehandelt hätte. Hier müßte individuelle künstlerische Eigenart zum Ausdruck kommen.[69]

Man vergißt anscheinend auch, daß das Vorgehen früherer Zeiten bei reparaturbedürftigen Denkmälern große Nachteile hatte. Wurden Bauten in jeweils modernem Stil ergänzt oder umgebaut, dann ließ man nicht immer die gebührende Rücksicht walten und entfernte oft mehr, als der Billigkeit entsprach. Defekte Statuen vollends, auch solche in gutem Zustande, wurden dem Zeitgeschmack gemäß abgeändert, meist verstümmelt oder, wenn sie nicht mehr gefallen wollten, vernichtet, defekte Gemälde wanderten im günstigsten Fall auf den Speicher, gewöhnlich wurden sie verschleudert oder übermalt, so daß sie in dem einen wie in dem anderen Fall unrettbar verloren waren. Gewiß keine empfehlenswerten Maßnahmen!

Die Bedeutung als nachahmenswerte Leistung gebührt dem nunmehr fertigen Werke der Wiederherstellung der Sebalduskirche auch deswegen, weil sich die Restaurierung nicht nur auf den Bau und die wenigen vom protestantischen Kultus benötigten Inventargegenstände, sondern auf die gesamte ungemein reichhaltige Ausstattung erstreckt hat. Wohl selten wird Gelegenheit geboten, einen Bau von der Stellung der Sebalduskirche und zugleich eine solche Fülle von Meisterwerken nach pietätvollen Prinzipien unter berufener Leitung zu restaurieren und unter so günstigen Umständen die Arbeit zu vollenden. Ein ganz besonderes Verdienst gebührt hiebei dem kunstsinnigen Pfarrer von St. Sebald, Kirchenrat Friedrich Michahelles, der die Vollendung des Werkes nicht mehr erleben sollte. Einen wesentlichen Beitrag zu dem Werke lieferte im übrigen die Unterstützung des Nürnberger Patriziats. Ist es ihm schon zu danken, daß in den späteren Jahrhunderten, als der stets wechselnde Zeitgeschmack, namentlich in den Gegenden des Protestantismus, zu ungunsten der Kunsterzeugnisse des Mittelalters sich äußerte, in Nürnberg soviel wie möglich von den Werken der Väter gerettet wurde, so war es diesmal ebenfalls Lokalpatriotismus im besten Sinne des Wortes, welcher es, ohne große Opfer zu scheuen, zustande brachte, die prächtigen Familienstiftungen in ihrer Gesamtheit in altem Glanze erstehen zu lassen.

Zur Erhaltung der ruinösen Originale, Statuen, Reliefs und der kleineren Bauglieder, welche durch Kopien ersetzt werden mußten, wurde von der Bauleitung ein kleines Museum gegründet, welches in der Westkrypta als Lapidarium und im oberen Stockwerke der großen Sakristei Unterkunft gefunden hat. Ein anderer Teil der Statuen ist in der Kirche selbst untergebracht. Im oberen Stockwerke der Sakristei wurden als weitere Sammlungsgegenstände Modelle, zeichnerische und photographische Aufnahmen der Kirche in ihrem vorgefundenen Zustand beigefügt. Das angehäufte und systematisch geordnete Anschauungsmaterial gestattet einen vortrefflichen Einblick in die Tätigkeit der Bauleitung und die von ihr angewendeten Grundsätze und Methoden.[70] Über dieses kleine Museum der Denkmalsplage, wie man es nennen könnte, wird etwas ausführlicher noch weiter unten zu handeln sein.

Wir lassen nunmehr die Berichte der Bauleitung über die Wiederherstellungsarbeiten in ihrem Wortlaute folgen.

3. Bericht der Bauleitung über die Wiederherstellung des Äußeren. 1888–1904.