1888–1889. Die seit dem Jahre 1882 im Gange befindlichen umfangreichen Vorarbeiten zur Wiederherstellung der Sebalduskirche waren im Jahre 1888 so weit gediehen, daß die Verwaltung des Vereinigten protestantischen Kirchenvermögens die Inangriffnahme des Werkes beschließen konnte.
Professor von Hauberisser in München sandte daher im Juli dieses Jahres den Unterzeichneten nach Nürnberg, um die Leitung der baulichen Arbeiten an Ort und Stelle zu übernehmen. Professor von Hauberisser selbst traf alle künstlerischen und technischen Dispositionen während periodischer Besuche in Nürnberg.
Die Kirchenverwaltung wählte aus ihrer Mitte einen Ausschuß, der über alle vorzunehmenden Bauarbeiten beraten und Beschluß fassen sollte. Es gehörten ihm unter dem Vorsitze des ersten Pfarrers von St. Sebald Friedr. Michahelles folgende Herren an: Fabrikbesitzer von Forster, Baumeister Goll, Justizrat Hilpert, Schlossermeister Leibold, Ingenieur Rupprecht und Magistratsrat Tauber.
Für die große, auf lange Jahre hinaus projektierte Unternehmung erwies sich die Errichtung einer Bauhütte als erforderlich, die als zweistöckiges Fachwerkgebäude neben dem südlichen Turm errichtet wurde und die Zeichenzimmer enthielt, während ein östlicher Flügelbau die Steinmetzwerkstätte und Schmiede aufnahm.
Ursprünglich hatte die Absicht bestanden, mit der Wiederherstellung eines Strebepfeilers am Ostchor zu beginnen. Allein die fortschreitende Verwitterung der Pfeilerendigungen dort und die Rücksicht auf eine größere Einheitlichkeit des Betriebes empfahlen, als ersten Bauabschnitt die Wiederherstellung der Chorgalerie und ihrer Pfeilerspitzen in Arbeit zu nehmen.
Es wurde daher zunächst in der Höhe des Hauptgesimses an den vier ersten Jochen bei der Brauttüre ein Gerüst und auf der Nordseite der Sakristei ein gezimmerter Treppenturm aufgestellt. Aus verschiedenen alten Nachrichten war bekannt, daß die Galerie im Jahre 1561 wegen Baufälligkeit abgebrochen worden war; an ihrer Stelle hatte man damals ein schweres steinernes Karniesgesims aufgesetzt und mittelst einer Aufschiftung das Dach darüber gezogen.
Nun wurde diese Aufschiftung und das Gesims entfernt und letzteres zur Anlage einer Umfassungsmauer um die Bauhütte benutzt. Beim Aufbrechen der frei liegenden Mauerkrone fanden sich erfreulicherweise am 7. November kleine Reste der ursprünglichen Galerie, aus deren Zusammenstellung sowohl die frühere Form der Maßwerkfüllungen wie des mit Zinnen besetzten Abdeckungsgesimses erkennbar waren (Abb. [33] und [139]). In der Hoffnung auf weitere Funde wurde jetzt das bisher nur bei vier Jochen angebrachte Gerüst um den ganzen Chor geführt, und es konnten in der Tat auch die verschiedenen Formen, welche im Maßwerk bei den einzelnen Jochen abwechselten, genau festgestellt werden.
Nach Beendigung der nötigen Aufnahmen und Vermessungen sowie der Herstellung der Werkzeichnungen für die neuen Bauteile wurde mit der Steinmetzarbeit begonnen, die für den Umfang der Galerie der Firma Göschel & Alt, von welcher Joh. Göschel durch seine Arbeiten an der Frauenkirche und dem Germanischen Nationalmuseum schon viele Erfahrungen gesammelt hatte, in Akkord gegeben wurde. Es zeigte sich aber, daß für solche Arbeiten der Regiebetrieb unter Verrechnung der Selbstkosten seitens des ausführenden Meisters und mit prozentualem Zuschlage einer Meistergebühr geeigneter ist; daher wurde in der Folge die Akkordarbeit wieder aufgegeben. Die Werkhütte, die Gerüste und die hauptsächlichsten Arbeitsgeräte waren ohnehin von der Kirchenverwaltung gestellt worden. Auch die Werksteine wurden von der Bauleitung direkt bezogen. Da der Stein aus der näheren Umgebung wegen seiner geringen Wetterbeständigkeit und der Schwierigkeit, guten Kernfelsen zu erhalten, nicht in Frage kommen konnte, wurde auf Grund einer von Professor Hauberrisser und einigen Sachverständigen der Kirchenverwaltung ausgeführten Inspektionsreise ein gelblicher Sandstein von Bayreuth (Buntsandstein der Triasperiode) und ein rötlicher aus der Kulmbacher Gegend verwendet.