Als noch ernster erwies sich die Lage bei den beiden romanischen Vierungspfeilern, auf denen die Hauptlasten der Kirchenmauern ruhen. Während der Abnahme des Verputzes schon fiel ein auf der Westseite des nördlichen Pfeilers angebrachter, aber von der Mauer abgerissener und nur noch lose anhaftender steinerner Baldachin herab. Es ist als ein Glück zu betrachten, daß er nicht während des Gottesdienstes auf die Kirchenbesucher herabgestürzt war. Dieser Pfeiler war im übrigen auf allen vier Seiten durch und durch zerrissen. Da im Innern nur schlechtes Brockenmauerwerk zu erwarten war und die großen Mauerlasten (etwa 620.000 kg) lediglich auf den zerborstenen Außenquadern ruhten, so mußte schleunige Abhilfe getroffen werden, wenn man nicht mit einer Katastrophe rechnen wollte, denn der Zusammenbruch des Pfeilers mußte den Einsturz der nördlichen Hälfte der ganzen Mauerwand und des Giebels zwischen Ostchor und Basilika sowie der anstoßenden Gewölbe zur Folge haben.

Die Ursachen, aus denen ein so bedrohlicher Zustand erwachsen war, sind verschiedener Art. Zunächst ist zu bedenken, daß die Vierungspfeiler ursprüglich Tragpfeiler einer romanischen Gewölbeanlage waren, die beim Umbau der Kirche in der gotischen Zeit zum Teil abgebrochen wurde, so daß sich in der Beanspruchung der Pfeiler eine Verschiebung ergeben mußte. Damals sind vielleicht schon die ersten Deformationen entstanden.

Der Anbau des Ostchores und des großen Westgiebels desselben brachte sodann den Pfeilern neue Belastungen, während andererseits durch die Verbreiterung des Seitenschiffbogens und in der Barockzeit durch Einbrüche für Balken, Emporen und Stuhlwerk der Querschnitt der Pfeiler an verschiedenen Stellen weit über das zulässige Maß geschwächt und der Verband aufgehoben wurde. Ist aber einmal der Zusammenhang eines Mauerkörpers gelockert, so wird jede weitere Schädigung von um so schlimmeren Folgen sein. Man kann daher nur staunen über die sorglose Art, in der besonders die letzten Jahrhunderte das Bauwerk, welches schon durch die mittelalterlichen Umbauten die Einheitlichkeit der Konstruktion eingebüßt hatte, vernachlässigt haben.

Der südliche Pfeiler erwies sich dem äußeren Anschein nach als in besserer Verfassung, doch ließen bereits vorhandene Backsteinmauerungen und Verschlauderungen nichts Gutes vermuten. Immerhin war am meisten der nördliche Pfeiler gefährdet; auch die Behörden forderten aus Sicherheitsgründen eine Erneuerung des Pfeilers.

So hatten sich neben den künstlerischen Aufgaben noch Arbeiten ergeben, die in konstruktiver und technischer Beziehung große Anforderungen stellten und zudem außerordentliche Geldmittel erheischten. Als ein schätzbarer Berater der Bauleitung erwies sich bei diesen Arbeiten der Ingenieur Otto Weber, welcher bei der Lösung der mannigfaltigen technischen Fragen großen Anteil hatte. Aber auch Steinmetzmeister Johann Göschel, stets gewissenhaft und unermüdlich, hat sich den ihm gestellten Aufgaben auf das beste gewidmet.

Wie sollte der nördliche Pfeiler ausgewechselt werden? Von den wenigen Beispielen einer solchen Auswechslung in der neueren Geschichte der Technik schien die Auswechslung im Bremer Dom von Interesse. Allein eine Abstützung aller in Betracht kommenden Gewölbe- und Mauerlasten, wie sie dort stattgefunden hatte, war hier sowohl wegen der großen Höhe und Unsicherheit eines Holzgerüstes als auch wegen der Feuersgefahr und Kosten nicht zu empfehlen, denn die profilierten Bögen boten für die Abstützungen nur mangelhafte Angriffsflächen und bei einem Holzgerüst waren Setzungen nicht zu vermeiden. Wurden die Lasten aber etwa durch Eisenstützen wirklich abgefangen, so ergaben sich für die Fundierung der letzteren in dem von romanischen Grundmauern durchzogenen, aufgefüllten Chorboden neue Schwierigkeiten. Aus den Beratungen erwuchs schließlich der Plan, den ganzen geborstenen Pfeiler mit einer Armierung aus eisernen Trägern ringförmig zu umgeben (Abb. [44] und [45]) und innerhalb dieser Ringe unter Beobachtung der größten Vorsicht einen Quaderstein nach dem anderen auszuwechseln; dabei sollte auch in den Mauerkern möglichst tief eingedrungen und dieser durch Ausmauern und Einspritzen von Zementmörtel verbessert werden.

Der Bauausschuß, der von allen Vorgängen unterrichtet war, beschloß, die Sicherung des Pfeilers durch die beabsichtigte Armierung sofort vornehmen zu lassen, die Erneuerung selbst aber erst in Verbindung mit der Restaurierung des Ostchores zu bewirken.

Die baulichen Arbeiten in der Westhälfte der Kirche waren damit noch nicht erschöpft. Die Triforien (Abb. [4]) des Mittelschiffes zeigten sich ursprünglich konstruktiv korrekt zwischen den Tragpfeilern der Joche angelegt. Sie schwächten zwar die Schildmauern, jedoch an einer Stelle, wo dies ohne Nachteil geschehen konnte. Die eigentlichen Tragpfeiler waren massiv und wurden zum Teil durch äußere Strebebögen gestützt. Bei der im Anfang des 14. Jahrhunderts stattgehabten Erweiterung der Seitenschiffe wurden die Strebebögen aber abgebrochen, und als durch die Erhöhung der Gewölbe die Triforien vom Dachboden aus nicht mehr zugänglich waren, wurden die Tragpfeiler durchlöchert, um eine Verbindung der einzelnen Triforien untereinander sowohl wie mit den Gewölbetrichtern zu schaffen. Denn letztere ermöglichten durch hölzerne Treppen wieder einen schmalen Zugang zu dem höher gelegten Dachboden. Infolge dieser Durchbrüche war aber die Sicherheit der Konstruktion des Mittelschiffes wesentlich beeinträchtigt. Noch schlimmer wurde die Sachlage, als in der Barockzeit hölzerne Emporen, deren Balken große Löcher im Mauerwerk erforderten, aus den Triforien herausgebaut und aus den letzteren selbst zur Erzielung eines bequemen Zuganges viele Säulen und Bögen entfernt wurden. Bei dem im 19. Jahrhundert erfolgten Abbruch dieser Emporen hatte zwar ein Wiedereinsetzen dieser Säulen, aber ohne jedes Verständnis für die bestehenden Schäden in der sorglosesten Weise stattgefunden, so daß diese „Restaurierung“ nichts als eine oberflächliche Kaschierung war.