Die Lebensfähigkeit der ersten Nürnberger Bildhauerschule währte etwa ein Menschenalter. Vom Ende der dreißiger Jahre an ging die Führung in der Plastik von St. Sebald auf die andere Pfarrkirche St. Lorenz über, es folgten die Frauenkirche und der Schöne Brunnen. An plastischen Arbeiten aus dieser Zeit hat die Kirche St. Sebald nur zwei, die Statuen der Heiligen Helena und Antonius im südlichen Seitenschiff, aufzuweisen, welche mit den Figuren an der Vorhalle der Frauenkirche nahe verwandt erscheinen.
Mit dem Neubau des Ostchores regte sich in der Plastik von St. Sebald wieder neues Leben. Nur war der Umfang der Aufträge diesmal verhältnismäßig gering. Es scheint, daß die unmittelbar vorausgegangenen Bauten und insbesondere der Ostchorbau selbst an den Opfersinn der Bürgerschaft zu hohe Anforderungen gestellt hatten. Und dann machte ein anderes früher in Nürnberg nicht gekanntes Kunstgebiet, das der Glasmalerei, welches zur Ausstattung der hohen Chorfenster Anlaß gab, der Plastik bedeutende Konkurrenz.
So kam es, daß von den zahlreichen zur Aufstellung von überlebensgroßen Statuen geschaffenen Stellen an der Innenseite der Ostchorwand mit ihren originellen Konsolen und Baldachinen nur zwei mit Statuen, den Aposteln Petrus und Paulus, besetzt wurden, den einzigen bedeutenderen Vertretern der figürlichen Plastik dieser Schule. Dagegen fand jetzt das Relief mehr Ausbreitung dadurch, daß außen an jedem Ostchorstrebepfeiler Tafeln mit Passionsdarstellungen angebracht werden sollten. Die neue Schule hat die ihr gestellten Aufgaben mit großem Geschick gelöst. Sie hat es verstanden, einer derb-kräftigen Art in der Charakteristik der einzelnen Gestalten beredten Ausdruck zu verleihen und die Begebenheiten durch klare Disposition anschaulich zu erzählen, und steht damit in innerster Beziehung zur Nürnberger Bildhauerschule um die Wende des 15. Jahrhunderts, die sich ebenfalls hauptsächlich auf dem Gebiete der Reliefkunst betätigt hat und diesen beiden Vorzügen mit ihren Weltruf verdankt.
Zur Schule der Skulpturen am Ostchor zählt auch das überaus eigenartige Gehäuse des Wandtabernakels im Innern.
Polychrom sind fast alle Schöpfungen der ersten Schule: bei den Statuen im Innern auch Konsolen und Baldachine, selbst der Hintergrund ist zuweilen farbig behandelt; die Bogenfelder außen an den Seitenschiffportalen zeigen Spuren von Farbe und Gold. Bunt behandelt ist bei den Werken der zweiten Schule nur das Sakramentshäuschen.
Die Bildhauerschulen von St. Sebald in der Frühzeit und aus den siebziger Jahren des 14. Jahrhunderts repräsentieren die Hauptentwicklungsstufen der Steinplastik Nürnbergs während des ganzen Jahrhunderts, in dessen letzten Jahrzehnten nur noch die Tonplastik eine besondere Blüte erlebt zu haben scheint. Von den Hervorbringungen dieser Kunst bietet der Ostchor von St. Sebald gleichfalls einige bemerkenswerte Proben. Es ist von Interesse zu beobachten, wie jene hauptsächlichsten beiden Schulen, als Anfangs- und Endpunkt einer fortlaufenden Entwicklung, sich trotz aller Ähnlichkeit diametral entgegenstehen. Bei der ersten Schule mußten eben eine Reihe von Anleihen bei einer anderen Schule gemacht werden, welche auf eine große Vergangenheit zurückblicken konnte. Die Abhängigkeit der Nürnberger Schule äußerte sich infolgedessen in der Aufnahme eines ihr fremden Elementes, welches sich nicht einleben wollte. Bei der zweiten Schule ist von fremdartigen Einflüssen keine Spur mehr, die charakteristischen Eigenschaften der Nürnberger Bildhauerkunst bis Adam Kraft, vornehmlich drastische ausdrucksvolle Darstellung, sind hier bereits in die Erscheinung getreten.
Als Arbeiten der Plastik des 15. Jahrhunderts hat die Kirche mehrere gefaßte Holzfiguren aufzuweisen, welche ursprünglich die Seitenaltäre zierten und nach Beseitigung derselben auf die immer noch leeren Konsolen der Ostchorwand gestellt wurden, und dann eine stattliche Anzahl von Epitaphien, welche an der Außenseite in der Nähe der Begräbnisstätten der Stifter eingelassen wurden. Den Höhepunkt in der Ausstattung des Baues mit Bildwerken bezeichnet das zu Ende gehende 15. und das beginnende 16. Jahrhundert, zu welcher Zeit von den ersten Meistern der Nürnberger Plastik Werke Aufnahme fanden, die an dem Ruhm der Kirche mindestens den gleichen Anteil haben wie der Bau selbst.
Eine zusammenfassende Würdigung dieser Werke unterbleibt hier, da dieselben nicht in Beziehung zur Geschichte des Baues stehen.
Bei dem nun folgenden Inventar der plastischen Werke, das sich auf eine Aufzählung und kurze Erläuterung der einzelnen Skulpturen beschränkt, werden zunächst die Arbeiten am Äußeren der Kirche und alsdann die im Innern derselben in fortlaufender Reihenfolge behandelt werden.