Er blätterte ein wenig und las dann: „Einen Schritt weiter und die Entdeckungen Galileis, vielleicht auch Keplers und Newtons, konnten vollendet sein, bevor die römische Herrschaft ihr Pflaster auf hellenische Kultur gesetzt und bevor das Evangelium eines rächenden Jehova die Grenzen des kleinen Ländchens Palästina überschritten hat, um Gotteslästerung mit der Wahrheit zu treiben.“
„Bemerken Sie“, sagte Schultze, „daß diese plumpe Bemerkung, wie unser Lord richtig sagte, bei den Haaren herbeigezogen ist: sie hat ja mit den Entdeckungen, von denen die Rede ist, rein nichts zu tun.“
„Jedenfalls zeugt sie entweder von grober Unwissenheit oder von einer Böswilligkeit, die sich um Wahrhaftigkeit rein nicht kümmert“, äußerte Mietje in tiefster Entrüstung: „denn ein Evangelium eines rächenden Jehova ist ja einfach Unsinn; das Evangelium verkündigt die Liebe und Barmherzigkeit eines himmlischen Vaters.“
„Mit Logik und Wahrheit“, sagte Flitmore, „gibt sich der Materialismus nicht ab, da wird alles, was von Fanatikern wider den christlichen Geist der Liebe, wie ihn das Evangelium allein verkündigt, gesündigt wurde, ohne weiteres der christlichen Religion selber in die Schuhe geschoben. Da! Auf Seite 146 wird das Christentum ein ‚verächtlicher, grundloser Aberglaube‘ geheißen, der ‚an Stelle der Kultur der Schönheit und Aufklärung getreten‘ sei. Und gleich auf der nächsten Seite: ‚Nero und die Scheusale in Purpur gingen St. Augustin und den andern Kirchenvätern voran. Das kaiserliche Rom war der Halbschatten, das christliche der Kernschatten‘.“
„Folgerichtigkeit und Vernunft darf man von materialistischer Voreingenommenheit nicht erwarten,“ hub Schultze wieder an. „Es ist ja schön, wie begeistert Snyder die Genies der astronomischen Wissenschaft lobt, namentlich Aristarch und Galilei. Etwas prahlerisch redet er davon, wie herrlich weit die Wissenschaft es gebracht habe und nennt den Menschengeist das wahre Weltwunder. Dem gegenüber klingt es dann geradezu lächerlich, wenn er plötzlich die Saiten umstimmt und der Menschheit mit komischer Salbung predigt, sie solle nicht im Wahne leben, als ob sie irgend etwas sei oder irgend eine Bedeutung habe!“
„Hören Sie weiter,“ sagte der Lord. „Vom mosaischen System der Schöpfung sagt Snyder: ‚Letzteres erhielt sich unter den Völkern Europas nach dem Niedergange der hellenischen Wissenschaft bis zu den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts. Nach dem Zeitalter Cassinis und Newtons vermochte es nicht länger mehr einen vernünftigen Geist zu befriedigen‘.“
„Das ist nicht mehr bloß Dummheit, das ist schon mehr freche Lüge,“ polterte Münchhausen entrüstet.
„Vergessen Sie nicht,“ berichtigte Schultze, „daß ein Materialist nur solchen Geistern die Ehre antut, sie vernünftig zu heißen, die sich ebenso wie er vom mechanistischen Aberglauben blenden lassen.“
„Nun,“ meinte Heinz, „ich kann diese Stelle bei Snyder nicht gar so schroff ablehnen; überhaupt empfiehlt es sich wohl, sich in seinen Ausdrücken etwas zu mäßigen, um nicht auf die gleiche Bildungsstufe herabzusteigen, wie diese Menschenkinder. Aber ist es nicht richtig, daß der mosaische Schöpfungsbericht mit den Jahrmillionen nicht vereinbar ist, die von den Geologen für die Entwicklung unsrer Erde ausgerechnet werden?“
„Sehen wir klar, junger Freund!“ mahnte der Lord: „Zunächst berichtet das erste Kapitel der Bibel nicht über die Weltschöpfung. Himmel und Erde sind bereits vor Äonen erschaffen und die Erde war wüste und leer. Hier setzt der Bericht ein mit der Schöpfung von Licht und Leben lediglich in Bezug auf die Erde. Wir wollen nun nicht die Frage aufwerfen, ob die Erde ursprünglich ganz andre Rotationsverhältnisse hatte oder wie sonst die mosaischen Tage sich deuten lassen; auf den Buchstaben kommt es wohl keinem von uns an. Aber da hören Sie, was Dr. Klein in seinen ‚Kosmologischen Briefen‘ sagt.“