Hiebei nahm er ein Büchlein aus dem Regal, aus dem er folgende Stelle vorlas: „Bekanntlich fehlt den Geologen bezüglich der von ihnen in der Erdentwicklung unterschiedenen Perioden so gut wie jeder chronologische Maßstab.“
„Das stimmt,“ fiel der Professor ein; „die Jahrmillionen sind bei Licht besehen ein Schwindel, das heißt alle diesbezüglichen Berechnungen beruhen auf völlig unsichern Voraussetzungen. Wenn man solche Zeiträume nicht zu brauchen glaubte, um die Entwicklungslehre einigermaßen annehmbar zu machen, so hätte man diese Zahlen nie erfunden. Es ist allerdings auch nur eine für den Denkenden durchsichtige Täuschung, wenn man meint, die Entwicklung des Menschen aus der Urzelle dadurch verständlicher zu machen, daß man sie auf viele Millionen Jahre verteilt. Die rasche Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling oder die ganz plötzliche Verwandlung eines Explosionstoffs in flüchtige Gase wären auch nicht verständlicher, wenn sie erst auf langsamem Wege durch Jahrmillionen erfolgten.“
„Ganz richtig“, sagte Flitmore: „Dies sind nun zwar keine Verwandlungen in ganz andre Arten, aber ob eine Verwandlung sich in einer Sekunde oder im Laufe von Äonen vollzieht, ist für den klaren Verstand völlig einerlei; die scheinbare Beseitigung des Unerklärlichen durch die noch dazu unbewiesene Erfindung ungeheurer Zeiträume ist nur eine Eselsbrücke zur Befriedigung derer, die nicht weit denken können.“
„Wie es aber mit den Jahrmillionen steht,“ sagte Schultze wieder, „beweist Ihnen am besten, daß man für die Entstehung der Steinkohle frischweg etliche Millionen Jahre ansetzte, ebenso für die der Diamanten; nun hat man entdeckt, daß im Sumpf versinkende Wälder sich binnen weniger Monate in echte Steinkohle verwandeln und daß für die Erzeugung von Diamanten der Bruchteil einer Sekunde genügt: da haben wir die berühmten Jahrmillionen, sie sind eine Phantasie, die zufällig stimmen kann, wahrscheinlich aber durchaus nicht stimmt.“
„Hören Sie nur weiter,“ sagte der Lord, „es kommt noch schöner: ‚Der Begriff eines Schöpfers war einfach — vielleicht im Dunkel der anfänglichen Unwissenheit denkbar. Das ist nicht mehr länger richtig. Unser modernes Wissen hat die Grenzen der Welt ins Unermeßliche gedehnt; es hat uns die unmeßbar lange Dauer der Zeit enthüllt‘.“
Nun mußten doch alle lachen: die Naivität dieser Behauptungen war ja gar zu köstlich!
„Also die Begriffe von Ewigkeit und Unendlichkeit sollen wir erst dem modernen Wissen verdanken?“ sagte Münchhausen: „Und sie sollen gar den Begriff eines Schöpfers undenkbar machen? O heilige Einfalt!“
Mietje schüttelte den Kopf: „Solche Verirrungen des menschlichen Geistes begreife ich einfach nicht,“ meinte sie. „Der Schöpferglaube war von jeher mit den Begriffen von Ewigkeit und Unendlichkeit verknüpft, und wenn die Wissenschaft Ewigkeit und Unendlichkeit zugeben muß, so stützt sie damit am allerbesten den Schöpferglauben. Muß man nicht den eigenen Verstand absichtlich totschlagen, um imstande zu sein, aus solchen Erkenntnissen gerade das Gegenteil von dem zu folgern, was sie einem vernünftigerweise nahelegen würden?“
„Werte Lady,“ lachte Schultze, „es gibt Ansichten, gegen welche Götter selbst vergebens kämpfen und die gerade der großen Menge derer, die nicht alle werden, am meisten imponieren.“
Flitmore aber fuhr fort mit Vorlesung folgender Stelle: „Das Fernrohr hat uns die Planlosigkeit des Weltalls enthüllt; der Kosmos scheint kein Woher und kein Wohin zu kennen.“