Sie verstummten und fühlten sich von einem seltsamen Zauber gefangen genommen, der von dem engelgleichen Wesen ausging, das von einem schneeweißen, zarten Gewebe umflossen vor ihnen stand. Sie bewunderten diese blendende Erscheinung mit wahrer Andacht und frommer Scheu: sie erschien wie ein Geschöpf aus einer andern vollkommeneren Welt, denn wie konnte die Erde solche himmlische Reize hervorbringen? Und sie hatten recht mit dieser Ahnung: Heliastra kam ja wirklich aus höheren Sphären.
Aber neben diesem Gefühl ehrfürchtiger Bewunderung wallte zugleich in aller Herzen eine beseligende Liebe zu der Fremden auf: sie fühlten sich ganz wunderbar zu ihr hingezogen. Die Reinheit, Milde und herzgewinnende Freundlichkeit, die aus diesem lieblichen, rosenschimmernden Antlitz lachte, vor allem aber aus den großen Augen, deren zartes Blau auf Erden nicht seinesgleichen hatte, mußten ja alle Seelen gefangen nehmen.
Heliastra ihrerseits schaute mit liebendem Wohlgefallen auf die Gruppe, ihr Herzchen klopfte vor freudiger Aufregung und wogte besonders ihren neuen irdischen Schwestern entgegen. Wie schön und wie lieb sahen sie aus, wenn sie auch nicht so ätherisch waren wie Glessiblora und die andern Mädchen Edens! Selbst ihre dunkelfarbigen Erdenschwestern, die feingliederige Tipekitanga und die rundliche Amina kamen ihr reizend vor.
„Wer ist dies himmlische Geschöpf?“ stammelte endlich Sannah mit fliegenden Pulsen.
„In Wahrheit ein himmlisches Geschöpf!“ sagte Mietje: „Denn wir haben sie aus der himmlischen Welt der Fixsterne geholt. Und wie lieb und edel sie ist, werdet ihr bald selber erfahren.“
„Aus der himmlischen Welt der Fixsterne?“ rief Helene ratlos. Was sollten diese rätselhaften Worte bedeuten? Und doch! sie fühlte, daß ein überirdisches Geheimnis allein der Wahrheit entsprechen konnte; denn daß auf ein irdisches Wesen eine solche Anmut ausgegossen sein könnte, schien ihr je länger je mehr völlig undenkbar.
„Es ist so,“ bestätigte der Lord: „Heliastra ist ein Gast aus den himmelweiten Fernen der Fixsternwelt. Wie das alles zusammenhängt, werden wir euch hernach erklären. Nun aber will sie unsre arme Erde als ihre Heimat betrachten: eine edle Sehnsucht zog sie zu uns herab und die Liebe ihres Herzens zu unserm edlen Freund Heinz Friedung, der ein Los gezogen hat, wie es noch keinem Sterblichen zuteil wurde, außer etwa mir, der ich eine Mietje Rijn zur Gattin gewann.“
„Frevler!“ rief Lady Flitmore und legte ihre kleine Hand auf des Lords Mund: „Wie kannst du es wagen, mich mit einer Heliastra zu vergleichen!“
„Das ist Heinz Friedung, der mit Ihnen Australien bereiste?“ wandte sich nun Doktor Leusohn an Schultze.
„Gewiß! Eine Seele von einem Menschen und ein Held! Niemand hätte ich ein solch goldenes Glück so freudig gegönnt, wie gerade ihm.“