476.
„Lohn und Strafe“. – Das lebt miteinander, das verfällt miteinander. Heute will man nicht belohnt sein, man will niemanden anerkennen, der straft.... Man hat den Kriegsfuß hergestellt: man will etwas, man hat Gegner dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, wenn man sich verträgt, – wenn man einen Vertrag macht.
Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen „Vertrag“ gemacht hat: – der Verbrecher ist ein Vertragsbrüchiger.... Das wäre ein klarer Begriff. Aber dann könnte man nicht Anarchisten und prinzipielle Gegner einer Gesellschaftsform innerhalb derselben dulden....
477.
Die Gegenseitigkeit, die Hinterabsicht auf Bezahltwerden-wollen: eine der verfänglichsten Formen der Werterniedrigung des Menschen. Sie bringt jene „Gleichheit“ mit sich, welche die Kluft der Distanz als unmoralisch abwertet....
478.
Die Zeiten, wo man mit Lohn und Strafe den Menschen lenkt, haben eine niedere, noch primitive Art Mensch im Auge: das ist wie bei Kindern....
Inmitten unsrer späten Kultur ist die Fatalität und die Degenereszenz etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn und Strafe aufhebt.... Es setzt junge, starke, kräftige Rassen voraus, dieses wirkliche Bestimmen der Handlung durch Lohn- und Strafaussicht. In alten Rassen sind die Impulse so unwiderstehlich, daß eine bloße Vorstellung ganz ohnmächtig ist; – nicht Widerstand leisten können, wo ein Reiz gegeben ist, sondern ihm folgen müssen: diese extreme Irritabilität der décadents macht solche Straf- und Besserungssysteme vollkommen sinnlos.
Der Begriff „Besserung“ ruht auf der Voraussetzung eines normalen und starken Menschen, dessen Einzelhandlung irgendwie wieder ausgeglichen werden soll, um ihn nicht für die Gemeinde zu verlieren, um ihn nicht als Feind zu haben.