Wer ihn in der Dämmerung an der Ecke neben seiner Droschke stehen sah, konnte wohl meinen, einen ungeschlachten Bären zu sehen. Die dicke zottige Pudelmütze, der dicke, innen gefütterte Mantel und die groben Holzschuhe machten aus dem ganzen Menschen einen unförmlichen schwarzen Klumpen. Nur der kleine Ausschnitt des von Wind und Wetter bronzenen Gesichts unterbrach das Schwarz der Erscheinung.

Oft saß er auch wohl auf dem Bock seines Wagens und starrte in das lichterfüllte wühlende Großstadttreiben, bis die Reihe an ihn kam, einen Passagier durch die Stadt zu fahren. Verträumt, noch das Sinnen im Auge, faltete er dann die Pferdedecke zusammen, ließ die Bremse locker und steuerte, mit der Zunge schnalzend, in das Gewühl hinein.

Hei! Das war eine Freude, sich so in dem Getümmel zwischen allerhand Fuhrwerk im schlanken Trabe hindurchwinden zu können. Wie das alles ineinander griff. Manchmal schien es ein unentwirrbarer Knäuel zu werden, als hätten sich Räder und Wagen zu einem wunderlichen Knoten verfitzt. Da hieß es, im Moment eine erspähte Lücke benutzen und jede Handbreit Luft am Boden in der Sekunde günstig verwerten. War glücklich wieder freie Bahn, dann knallte der feine Bernhard wohl pfeifend mit der Peitsche oder drohte nach einem andern hin. Der Stümper – wenn er etwa nicht fahren könne, solle er's ja bleiben lassen!

Vormittags, wenn er in der Destille frühstückte, zeigte sich auch oft sein Kopf an der Türscheibe. Sah er, daß jemand an seinem Wagen stand und auf den Kutscher wartete, trank er erst sein Bier aus und stapfte ruhig ohne Eile über die Straße. Die Leute sagten dann: seht nur, wie er rennt, der feine Bernhard – er hat's ja auch nicht nötig – er möchte noch gute Worte haben, wenn man in seiner Karrete fahren will. Er ging deswegen nicht schneller. Die Leute –! Aber er – er erzählte ihnen nichts von dem, was ihn bewegte, er frug sie nicht um ihre Meinung, legte seine Gedanken nicht vor ihnen auf den Tisch, daß sie sie von allen Seiten begucken konnten. Nein – er erzählte ihnen nicht einmal eine Geschichte, in der ein Frauenzimmer vorkam, bei der sie sich hätten zunicken können: is doch ein geriebener Junge – nein, nicht einmal das tat er.

Es war ihm immer gut gegangen. Erst war er Hoteldiener gewesen, hatte gegeizt und gespart, wo es nur anging. Trinkgelder gab es reichlich in der Saison. Im Sommer diente er in Badeorten und erübrigte sich jedesmal einen hübschen Batzen Geld. Bis er es so weit gebracht hatte, selbständiger Droschkenkutscher zu werden und seine zwei Braunen im Stall zu haben, die er abwechselnd laufen ließ …

Februar war's und die vielen Maskenbälle verschafften manche reichliche Nachtfuhre. Der feine Bernhard hielt vor einem großen Vergnügungslokal. Buntfarbige Plakate wiesen auf den Maskenball hin. Öffneten sich die Türen, so zog wie aus einem Ventil heißer dichter Qualm an der Decke des kurzen Vorraums entlang und zerfloß an der frischen Nachtluft im Licht der Bogenlampen. Dazu war sekundenlang ein quirlendes Gemisch von menschlichen Stimmen und das abgehackte Stück eines Walzers zu hören.

Es war schon spät in der Nacht. Bernhard hatte die Hände in die Taschen seines Mantels vergraben, die Mütze tief im Gesicht und saß im Halbschlummer auf seinem Bock. Ein Herr im Zylinder tippte ihm mit dem Spazierstock auf den Arm, nannte Straße und Hausnummer und stieg in den Wagen.

In langsamer Fahrt rollte der Wagen durch die stillen Straßen. Bernhard tat einen mächtigen Gähner. Müde war er heute wieder! So richtig schlafen konnte man jetzt so selten. Es sollte heute auch die letzte Fuhre sein.

Er hielt vor dem angegebenen Hause. Der Herr stieg aus, bezahlte und schloß pfeifend seine Haustür auf.