Sie sind eine gute halbe Stunde gefahren, als sie vor einer Villa der Vorstadt halten.
Ein langer Möbelwagen steht bereits dort. Sechs Möbelräumer in blauen Blusen und Schürzen schleppen das Haus voller Möbel.
»Gu'n Tag ihr«, sagt Klavierfritze.
»Mahlzeit«, sagten die Sechs.
»Bringst du das Trinkgeld?« fragt einer und wischt sich den Schweiß mit der Schürze aus dem Gesicht.
»'s liegt doch schon uffn Fensterbrett«, sagte Fritz, jeden der Reihe nach betrachtend. Sein Blick fällt auf einen, der, eine schwere eichene Truhe auf dem Rücken, die Treppe hinaufkeucht.
»Is das nich Nasenfranz?«
»Ja – das isser«, ruft der im Weitergehen unter seiner Last hervor. Es klingt gereizt, wie er weiter fragt: »Hast du was dagegen?«
»I wo«, sagt Klavierfritze gemütlich. Sie sind keine guten Freunde, Nasenfranz und er. Seiner Meinung nach ist das so ein Allerweltskerl und eine unheimliche Großgusche. Man braucht ihn nur mit ein paar Worten anzutippen, so fährt er kampfbereit in die Höhe. Was konnte er nicht alles, und was war er nicht alles schon gewesen. Zuzeiten der Leipziger Messe war er groß. Da hatte er in den verschiedenen Buden schon Gastspiele gegeben, und war bereits eine bekannte Erscheinung. Er konnte Feuer fressen, Glas und Kohlen verschlucken, Zauberkunststücke waren ihm nicht fremd und als Entfesselungskünstler und Ringkämpfer war er auch schon aufgetreten. Wenn sich gar nichts Passendes fand, fungierte er als Ausschreier. Arbeitslos war er ja den größten Teil des Jahres. Zur Messe halfen ihm nur seine mannigfachen Fähigkeiten darüber hinweg. Seine Nase mußte er bei irgendeiner Gelegenheit eingebüßt haben. Sie zeigte sich nur noch als kleiner Stummel. Das Nasenbein fehlte vollständig. In den Buden, in denen er zur Messe arbeitete, schlief er auch. War dann die Messe vorbei, so stand er wieder vor dem Nichts, nächtigte, wo es gerade anging, wurde erwischt, bekam ein paar Tage Haft, und hatte er Glück und Gelegenheit, einige Zeit zu arbeiten, so langte es wenigstens zum Übernachten in einer Herberge. Und er kämpfte wie ein Ertrinkender. Nie gab er sich besiegt. Wenn er unterlag oder ihm etwas mißlang, schob er das nur einem zufälligen Zusammentreffen zu, und weil er nun einmal ein Unglücksmensch sei. Er brauchte Geschrei, Gewühl, viel Menschen und Aufregung um sich herum. Wenn er auf den Brettern einer Schaubude stand, hatte er oft ein dumpfes Gefühl des Staunens. Wie sie da unten standen und Geld ausgaben. Wie sie gafften und lachten, schmatzten und grinsten, soffen und schrien und so taten, als wären sie es gar nicht anders gewöhnt. Das da unten auch genug waren, die sich nur mit den Augen sattaßen und -tranken, sah er nicht und wollte er nicht sehen. Er sah nur den schmausenden, behaglich vorbeifließenden Menschenstrom und gab so der Wut und dem Haß immer neue Nahrung, daß er allein ein Ausgestoßener sei. Wenn er mit seiner heisergebrüllten Stimme geschrien hatte, daß sie doch ja nicht versäumen sollten, die Bude zu besuchen, konnte er mitten im Satze abbrechen. Hastig ging er schnellen Schrittes ins Innere der Bude, warf hungrig seine Augen umher, als suche er etwas, als müsse er sich auf etwas besinnen, was ihm nicht einfallen wollte, und war dann eine Zeitlang still. Rechnete nach, was er in dieser Woche verdiente, wie lange er damit auskommen könne und was wohl nachher zu unternehmen wäre, wenn Geld und Arbeit alle war.
Wie er einmal als Ringkämpfer aufgetreten war, hatte da unter den Zuschauern einer gestanden, der die andern alle überragte. Die Besitzerin der Bude hatte ihn auf den Großen aufmerksam gemacht. Nasenfranz hatte ihn auch gehörig aufgestachelt, und Klavierfritze konnte sich unmöglich so in den Augen des Publikums herabsetzen lassen, daß seine Größe, seine Stärke nur angeschwemmtes Bier wäre. Die Bude war zum Bersten gefüllt, und Klavierfritze »legte« denn den zappelnden, durch allerlei Finten und Kapriolen ausweichenden Nasenfranz auch nach wenigen Minuten regelrecht. Die Zuschauer tobten und klatschten wie rasend.