Dabei kam ich auf außergewöhnliche Wege: der Okkultismus, die Xenologie, winkte mit gefährlichen Lockungen. Doch blieb ich mit den Füßen auf dem Boden, und stellte fest, daß die greifbaren Beweise mancher scheinbar übersinnlichen Kräfte und Erscheinungen nichts sind als das Resultat eines auf einem ganz bestimmten Wege geführten, ungewöhnlichen Willens. Die unerhörten Dinge, die etwa über indische Fakire glaubhaft berichtet werden, erklärten sich mir auf diese Weise.
Überhaupt begann ich immer mehr und mehr zu erkennen, daß zu allen Zeiten und in allen Lebensbezirken gewisse erstaunliche Geschehnisse, die sich auf Erden zutragen und zugetragen haben, der Ausfluß entweder der Willenskraft oder ihres Erlahmens zu sein pflegen.
Die Menschheitsgeschichte bekam unter dieser Betrachtungsweise für mich ein eigenes, persönliches Aussehen. Ich sah willensstarke und willensschwache Völker. Ich sah das Wachsen und das Erlahmen der Willenskraft. Ich sah Werden und Vergehen. Ich skizzierte den Plan zu einer Geschichte der Menschheit als Subjekt und Objekt der Willenskraft.
Und dann erstand mir Giordano Bruno, der scholastischer Wertung des trockenen Intellekts die Kraft des Willens entgegenhielt gleich einer lodernden Fackel.
Giordano Bruno! Herrlichstes Menschentum in seiner gloriosen Synthese von Verstand und Geist, von Wissen und Ahnen, von physikalischem Denken und geniehafter Intuition! Hand in Hand mit jenem Lionardo aus Vinci schreitest du lächelnd durch die Haine der Ewigkeit. In weiter Ferne verglimmt das Feuer des Scheiterhaufens, auf dem man deinen armen Leib vernichtete, im ersten Jahre des Jahrhunderts, in welchem sie einen Shakespeare begruben, und selig zu preisende Mütter einem Rembrandt van Rhyn und einem Johann Sebastian Bach das Leben gaben. –
Um der Wahrheit willen aber muß ich berichten, daß mich bei meinen Beobachtungen über die Willenskraft bald nicht mehr so sehr die ethische Betrachtungsweise, die allein Giordano Brunos würdig gewesen wäre, anzog, als vielmehr die ungewöhnlichen Erscheinungen des physischen Willens. Ich dachte nicht etwa daran, meine Erkenntnisse zu nutzen, um das Niveau meines eigenen Ich zu heben, oder um meine Seelenkraft zu stärken für den Betrieb des Lebens, sondern ich beobachtete wissenschaftlich an mir selbst die Tatsache, daß die geübte Willenskraft imstande ist, rein physisch die unerhörtesten Leistungen zu vollbringen, ja, daß sie es sogar vermag, die scheinbar granitenen Fundamentsätze der Physik zu zerbrechen.
Der erste Versuch, der mir gelang, war folgender: Neben meinem Papier lag der Bleistift. Ich hielt die geöffnete Hand in einigem Abstande senkrecht über ihn, betrachtete ihn scharf und konzentrierte meine ganze, schon sehr geschulte Kraft auf die Forderung, daß der Bleistift sich in meine Hand bewegen solle. Nach einer gewissen Zeit erhob sich dieser in der Tat und flog, entgegen den Regeln der Schwerkraft, fast blitzartig gegen meine Handfläche. Allerdings, da ich zu überrascht war, um die Finger sofort zu schließen, fiel er gleich wieder auf den Tisch zurück. Erst später gelang es mir, ihn festzuhalten.
Ähnliche Experimente glückten mir immer mehr und mehr, so daß ich in meiner Vermutung vom Vorhandensein einer großen, außerhalb aller physikalischen Grenzen liegenden, für unsere Erkenntnis neuen Kraft immer mehr bestärkt wurde, einer Kraft, die lediglich durch ein für unsere Sinne unfaßbares geistiges Fluidum wirkt, und die in seinen Dienst zu zwingen der Mensch dadurch vermag, daß er sich gewissermaßen in die Schwingungen dieses geistigen Fluidums einschaltet, und zwar vermittels einer uns noch unbekannten Gehirnfunktion, die erregt werden kann, wenn der Wille aufs äußerste angestrengt wird. Diese Anstrengung, in Schwingungen umgesetzt, muß in einem bestimmten Augenblicke der Wellenlänge der unbekannten neuen Kraft gleichkommen. In diesem bestimmten Augenblicke ist die Einschaltung vollzogen und die Kraft steht im Dienste des Eingeschalteten.
Welche Zeitspanne ich jedesmal gebrauchte, um mit Hilfe meiner Willenskraft jenen Zustand zu erreichen, vermag ich nicht zu sagen, da die allergeringste Ablenkung von der Konzentration, wie etwa ein Blick auf die Uhr, das Gelingen des Experimentes unmöglich machte.
Von kleinen Versuchen ging ich allmählich zu größeren und schwierigeren über: Ich zwang andere Menschen, nach meinem Willen ungewöhnliche Handlungen zu verrichten, über die sie sich, ohne die Ursache zu ahnen, selber wunderten. Ich erreichte es, schwerere Gegenstände, wie etwa Möbelstücke, lediglich vermöge meines Willens vom Flecke zu bewegen. Ich ließ einen großen Hund sich in die Höhe heben, so daß er höchst verwundert und ängstlich winselnd haushoch in der Luft schwebte.