Die Tage auf dem Berge blieben sonnig und warm, und die Nächte sternenklar und lind. In der dritten Nacht erwachte ich aus irgendeinem bösen Traume in Schweiß gebadet und stellte fest, daß die Luft in meiner Hütte drückend, und daß es besser sei, im Freien zu liegen. Also nahm ich Matratze, Kissen und Decke, und bettete mich auf einem moosbewachsenen Felsvorsprung oberhalb meines Häuschens.
Dies Lager empfand ich in solchem Maße köstlich, daß ich nicht wieder zu schlafen vermochte. Ich lag regungslos ausgestreckt und meine Gedanken ballten sich zu plastischer Figürlichkeit. Das Rauschen der Föhren unter mir, das Gurgeln des Brunnens und all das melodische Geräusch der Bergeinsamkeit unter dem unbeschreiblich klaren, glitzernden Sternenhimmel wirkten auf mich mit fast zauberhafter Kraft.
Das Bild des deutschen Hirtenknaben Nikolaus von Cues trat vor meine empfangsbereite Seele. Im Purpur des Kardinals zu Rom stand er vor mir. Zweitausend Jahre nach Aristarchs Tode rief er in die geistige Enge des Mittelalters das Wort vom gewaltigsten Begriffe aller Zeiten: Unendlichkeit!
Und Giordano Bruno aus Nola zertrümmerte mit kühnem Schlage die letzte der gläsernen Sphären, die noch die Planetenharmonie des Kopernikus umgab, jenen Überrest des gigantischen Irrtums ptolomäischen Denkens, und stieß der Menschheit die Tore auf, hinter denen der Kusaner den freien Ausblick auf die Unendlichkeit verhießen hatte.
Nie im Leben hatte ich das Wesen der Unendlichkeit in solcher alles überwältigenden Größe gefühlt, wie in dieser köstlichen Bergnacht.
Ich sah das unübersehbare Firmament schimmernder Lichtpunkte über mir, und wußte, daß es ein Gewebe ist aus Sonnen, und wohl jeder einzelne Stern der Mittelpunkt eines gewaltigen Planetensystems, ähnlich dem, in welchem die Erde kreist.
Und da ich, versunken in dem göttlichen Gefühl des Zusammenfließens von Ewigkeit und Unendlichkeit, mich dem Kosmos nahe zu wähnen begann, erkannten meine geübten Augen an jener dunkeln Stelle des Himmels die winzige Spirale des Nebelschleiers im Sternbilde der Andromeda, und ein leises Erschauern zitterte durch meinen gemarterten Körper: das Schweben einer andern Welt!
Einer Welt, der die Fülle der Sonnen, die als Sternenzelt, als Milchstraße den Himmel unserer Erde bedeckt, nichts anderes gilt, als ein zarter, kaum erkennbarer Nebelhauch.
O irdische Erde, armes Sandkorn am Strande der Unendlichkeit, die kleinste Welle spült dich hinweg und läßt dich versinken im Ozean des Alls! Wer es vermöchte, dich zu verlassen und sich aufzuschwingen durch die Rätselhaftigkeiten des Äthers, zu jenen über jedes Begreifen fernen Bezirken, von wo die ganze getürmte körperliche Furchtbarkeit eines neuen Kosmos als nur ein winziges Wolkenflöckchen herüberdämmert!
Eine Nacht lang lag ich starr ausgestreckt, und meine Seele senkte sich tief in diesen schauervollen Wunsch.