Das Mädchen war von starken Sinnen. Ich fühlte das mit Bestimmtheit. Und daß sie mich gern habe, daß ich ihr vielleicht mehr als sympathisch sei, mußte ich allein aus der Tatsache meiner Aufnahme in ihrem Hause entnehmen. Auch ließ sie sich von mir kleine Liebkosungen gern gefallen, pflegte Hand in Hand mit mir zu gehen, legte ihren Arm um meine Schulter, bot mir oft Wange und Scheitel zum Kusse, zeigte sich ohne Scheu, aber auch ohne jede Spur von Koketterie, oftmals in der allerknappsten Kleidung vor mir, pflegte des Morgens, um mich zu wecken, mein Zimmer zu betreten, und liebte es überhaupt, sich mit mir auf einen derartig innigen Verkehrsfuß zu stellen, daß ich daraus das Allerglücklichste hätte für mich entnehmen können, wenn mich das Bewußtsein ihrer absoluten geistigen und seelischen Superiorität auch nur einen Augenblick hätte verlassen können. Dann ihren Widerstand zu brechen, dachte ich mir leicht.
So aber blieb ich der Hörige und Abhängige, und begann mich immer mehr, trotz aller hingebenden Güte und Freundschaft des Mädchens, als eine Art Genossen ihres Hundes Turu zu fühlen, in welchem Vergleiche ich überdies noch den kürzeren zog, da Turu vor mir voraus hatte, von der Sprache unserer gemeinsamen Herrin erheblich mehr zu verstehen, als ich.
Als wir dieses Leben einige Wochen geführt hatten, bedeutete mir Irid eines Tages, daß sie ausgehen würde.
Am Abend kehrte sie zurück. Sie war bei ihrem Vater gewesen.
Am nächsten Nachmittage kam dieser selber zu uns. Er wohnte, wie ich erfuhr, nicht weit von Irids Hause, und war einige Wochen verreist gewesen.
Ein hochgewachsener Mann trat ein, trotz seines Alters von elastischer und fast jugendlicher Haltung. Grauweißes, halblanges Haar umrahmte in leichten Locken ein kluges Antlitz von starken Zügen, dessen erster Eindruck Güte war.
Er erschien reich und sorgfältig gekleidet und stützte sich auf einen Stock mit goldenem Knopfe.
Irid begrüßte ihn herzlich und küßte seine Hände. Dann setzten wir uns.
Jene saßen Hand in Hand einander gegenüber und sahen sich wortlos lange in die Augen. Dabei verrieten aber ihre lebhaften Mienen, daß während dieses befremdlichen Anschauens allerlei in ihnen vorging. Eine regelrechte Unterhaltung mit Zustimmung, Verneinung, Freude, Überraschung oder anderen Empfindungen schien stattzufinden.