Ich hatte Ansätze zu solcher höchst merkwürdigen Unterhaltungsart schon zwischen Irid und ihren kleinen Schülern, und auch zwischen ihr und der Dienerin Okk zu bemerken geglaubt. Um was aber es sich handelte, konnte ich vorläufig nicht ergründen.
Die stumme Konversation schien sich jetzt offenbar um mich zu drehen, denn nun wandte sich der alte Herr zu mir, ergriff meine Hand und sah mir mit ebensolchen stummen Fragen in die Augen, wie es schon seine Tochter so oft getan hatte.
Ich gestehe, daß ich recht verlegen war und gewiß keine eindrucksvolle Rolle gespielt habe an diesem Abend. Der Vater meiner Herrin aber lächelte freundlich und strich mir über Haar und Wangen, wie man ein fremdes großes Tier streichelt, das sich als gutartig erwiesen hat.
Während des ganzen Abends wurden keine zwanzig Worte gewechselt. Nicht einmal als Irid Wein herbeitrug, kam ein hörbares Gespräch in Fluß.
Als nach dem stummen Abendbrote der alte Herr sich empfohlen hatte, blieben Irid und ich noch ein Weilchen beim Weine sitzen. Dann holte sie aus ihrer Bibliothek ein geigenähnliches Saiteninstrument, auf dem sie ein leidenschaftlich bewegtes Spiel begann.
Sie hatte nur wenige Takte gespielt, als ich zu meiner freudigen Überraschung eine Könnerin in ihr erkannte. Doch muß ich gestehen, daß es einiger Wochen gebrauchte, bis ich mich in den neuen ungewohnten Reichtum ihrer ungemein komplizierten und mir fremdartigen Harmonik einzufühlen vermochte.
Aber schon an dem ersten Abend empfand ich die schier unerschöpfliche Fülle dieser Musik, die in starkem Widerspruch zu dem gesetzten Wesen dieser wortgeizigen, gemessenen Menschen stand.
Als Irid geendet hatte und ich ihre Hände in die meinen nahm, fühlte ich, daß ihr Körper leise zitterte in innerer Erregung.
An diesem Abend duldete sie es, daß ich ihre Lippen küßte. Doch erwiderte sie meine Küsse nicht. Als ich meine Arme um sie schlang und mein Gesicht gegen ihre Brust preßte, hörte ich wohl ihr Herz schneller schlagen, aber meine Stunde war noch nicht gekommen.