Nachdem aber der Organismus der Denktätigkeit wissenschaftlich erkannt war, gab man dem Menschen die Fähigkeit in die Hand, zwar noch nicht sein eigenes Denken planmäßig zu erkennen und zu kontrollieren, aber das jedes anderen Menschen bis in die letzten Zellenregungen zu beobachten.
Embryonale Anfänge zu solchem Erkennen anderer Menschen waren ja auch schon den Alten bekannt gewesen. Liebesleute, Freundespaare, Mutter und Kind und ähnliche Menschenverbindungen, zwischen denen eine tiefe Sympathie – welches Wort für einen unbekannten Begriff man einsetzte – bestand, glaubten sich in vielen Dingen zu verstehen, ohne miteinander zu sprechen. Von zwei Künstlern des Altertums erzählt man, daß sie den Abend miteinander schweigend verbrachten und sich dann unter gegenseitigen Worten des Dankes für die schöne Unterhaltung verabschiedeten.
Aber erst die wissenschaftliche Aufdeckung der Psyche ermöglichte es, jedes beliebigen Menschen psychische Regungen zu erkennen, auf den man sich einstellt.
Welche Wirkungen diese Fähigkeit, die im Laufe der Zeiten Gemeingut der gesamten Menschheit wurde, ausübte, liegt auf der Hand: die Lüge und die Falschheit, die bösen Geister vieler Jahrtausende, schwanden aus der Welt.
Da keiner dem andern mehr etwas verbergen konnte, so verkümmerte die Neigung der Menschen zu Verstellung und Entstellung, die nach dem Verlöschen der Religionen ohnehin schon erheblich an Verbreitung eingebüßt hatte, vollkommen. Nur bei Kindern, die ja die Phasen der Menschheitsentwickelung im einzelnen Individuum erkennen lassen, findet man noch Spuren davon.
An die Stelle der Lüge trat das Schweigen.
Von einem Weisen aus der alten Geschichte hat sich das Wort erhalten: „Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.“
Es war eine Freude geworden, mit Menschen zu leben.
Über die letzte Stufe der Menschheitsvergeistigung sprach Worde noch nicht. Ich war ihm noch nicht reif genug.