Die Persönlichkeit des einsamen Mannes hatte den Kapitän ungemein gefesselt, und zwar nicht nur der merkwürdigen Umstände wegen, unter denen er lebte. Noch nie war er einem Menschen begegnet, der, trotz herber Verschlossenheit, in solchem Maße anzuziehen vermochte. Eine Art innerer Kraft schien von ihm auszugehen, wie sie Leuten zu eigen ist, die später als Religionsstifter oder Heilige verehrt werden.
So geschah es, daß auf dem Rückwege zum Hafen die Gedanken des Kapitäns sich ausschließlich mit dem sonderbaren Einsiedler beschäftigten und des ernsten und eindrucksvollen Ereignisses des sterbenden Revolutionärs fast ganz vergaßen.
In Porto Cabello angekommen, verständigte er sofort den Konsul, der sogleich das Weitere veranlaßte.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr der Kapitän, daß die Persönlichkeit des einsamen Mannes wohl bekannt war. Man erzählte von ihm das Folgende:
Er wohne schon seit längeren Jahren dort oben, führe ein vollkommen abgeschlossenes Leben und sei als merkwürdiger Sonderling verschrien, im übrigen aber ein nicht nur durchaus gutartiger, sondern auch stets hilfsbereiter Mensch.
Offenbar sei er früher in seiner Heimat Arzt gewesen, und er praktiziere auch jetzt als solcher oben in den Bergen. Eine Konzession der Regierung habe er allerdings nie nachgesucht, und würde sie auch der Hintertreibung der venezolanischen Ärzte wegen, die mit Recht seine Konkurrenz fürchteten, schwerlich erhalten haben.
Man dulde ihn stillschweigend, und zwar besonders der eingeborenen Bevölkerung wegen, die große Stücke auf ihn hielte, und ihn als eine Art Heiligen verehre, obwohl er nach allem, was der Konsul darüber in Erfahrung bringen konnte, niemals irgendwelche Wunderkuren oder Charlatanerien vollführe, sondern im Gegenteile höchst sachgemäß vorginge.
Allerdings bediene er sich in starkem Maße der Suggestion, und man sagte, daß er durch diese in der Tat gelegentlich ganz außerordentliche und fast rätselhafte Erfolge erziele. Niemand, der mit ihm zusammenkomme, auch der Konsul nicht, könne sich einer starken suggestiven Wirkung entziehen, die der Mann, sichtlich ohne es zu wollen, und bestimmt, ohne einen bösartigen Gebrauch davon zu machen, ausübe.
Man erzählte, daß er die Gewohnheit habe, in seiner Einsamkeit fast nackt zu gehen. In seinen Lebensbedürfnissen sei er ungemein anspruchslos. Seine Einkünfte bestanden ausschließlich aus Naturalien, die ihm die Eingeborenen, denen er auch außerhalb seiner ärztlichen Tätigkeit viel mit Rat und Tat beistehe, zutrügen.
Er habe einen regelrechten und wenn auch etwas eigenartigen, so doch sehr erfolgreichen Schulunterricht in seiner Behausung eingerichtet. Ferner fertige er fast die gesamten schriftlichen Arbeiten für die Eingeborenen des Distriktes der Vorberge an: Eingaben an die Regierung, Steuerangelegenheiten, Rechtsberatung und ähnliches. Bei Streitigkeiten untereinander pflegten die Bergbewohner seinen Schiedsspruch anzurufen, dem sie sich dann ohne Murren beugten.